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4. Dezember 2007 (Sonstige Unternehmen)

Zwangsverwaltung nach Privatisierung

Instandsetzungsstau, Wohnungsleerstände, Schimmelbildung: Der "Hannibal", ein 1976 errichteter Komplex mit 412 Wohneinheiten in Dortmund-Dorstfeld, gehörte lange Zeit zu den Sorgenkindern der teilweise städtischen Wohnungsgesellschaft DOGEWO21. Als Mitte 2004 die Dorstener Unternehmensberatung Janssen & Helbing den markanten Betonbau kaufte und umfangreiche Investitionen versprach, klang das zunächst wie ein Aufbruch.

Insgesamt gut 800 Wohnungen übernahm Janssen & Helbing damals von der DOGEWO21. Für die Tochter der Stadtwerke und Stadtsparkasse war es ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit, fast schon ein "Befreiungsschlag". Den verkauften Mietern wurde vertraglich ein lebenslanges Wohnrecht zugesichert. Und im Hannibal begann Janssen & Helbing tatsächlich mit dem Einbau neuer Fenster und mit Fassadensanierungen. Auf Wunsch der Mieter wurden Fahrradräume eingerichtet. Bestehende Angebote für Kinder und Jugendliche wurden in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt weiter geführt. Der Leerstand reduzierte sich binnen kurzer Zeit.

Ein kurzer Traum vom guten Vermieter
Doch der Traum währte nur kurz. Bereits 2005 wurden die Sanierungsarbeiten abrupt beendet. Im Sommer 2006 war Janssen & Helbing so sehr in Zahlungsschwierigkeiten geraten, dass vorübergehend Heizung und Warmwasser abgestellt wurden. Schäden und Mängel wie undichte Fenster, Woh-nungsschimmel, Fassadenschäden häuften sich wieder und nahmen immer dramatischere Ausmaße an. Auch in anderen aufgekauften Beständen von Janssen & Helbing in Dortmund und Lünen kam es zu Zahlungsschwierigkeiten.
In Dortmund wurden dann im September 2006 zunächst 450 Wohnungen in den Stadtteilen Nordstadt, Westerfilde und Innenstadt-West unter Zwangsverwaltung gestellt. Im April 2007 folgte der „Hannibal“. Die Mieter zahlen seitdem an die verschiedenen Zwangsverwalter, die immerhin dafür sorgen, dass die notwendigsten Reparaturen gemacht werden.
Ob sich Janssen & Helbing bei dem Aufbau ihres bundesweiten Immobilien-Imperiums, bestehend aus Sozialblocks zwischen Bochum und Leipzig, finanziell übernommen haben, wird seitdem diskutiert. Die angeblich von vermögenden Freunden des Reitsports gegründete Firma hatte zur Finanzierung des Kaufs u.a. bei Lebensversicherungen Darlehen aufgenommen, die nicht pünktlich zurück gezahlt werden konnten. Auch bei Servicefirmen häuften sich die Rückstände.

Weiterverkauf und Zerlegung?
Seit dem letztem September soll über die 3000 Wohnungen der angeschlagenen Vermögensverwalter ein Kaufvertrag mit einer Gesellschaft namens "Suse Property" in Beckum vorliegen. Es gibt so genannte Auflassungsvormerkungen, aber noch keine Umschreibungen im Grundbuch. Der Mieterverein Dortmund befürchtet, dass diese bislang unbekannte Firma die lukrativeren Immobilien aus dem Gesamtpaket herauslöst und zu hohen Preisen schnell weiter verkauft.
Sollte sich der Verkauf noch zerschlagen, sieht der Mieterverein Dortmund die DOGEWO21 in der Pflicht, den Hannibal zurückzukaufen. Das sicherte DOGEWO21-Chef Klaus Graniki auch zu. "Aber nur zu einem Preis, der wirtschaftlich ist. Denn ich darf die Dogewo nicht in Schieflage bringen."
Helmut Lierhaus vom Mieterverein Dormund ist da skeptisch: "Die DOGEWO ist doch froh, dass sie den Hannibal und andere sanierungsbedürftige Wohnanlagen los ist."

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Es kommt der Tag, da will die Säge sägen
Im Hannibal wurde 1981 in Teil des Ruhrgebiet-Kultfilms "Jede Menge Kohle" von Adolf Winkelmann gedreht: Nach einer Irrfahrt unter Tage lernt der junge Bergmann Katlewski im Hannibal seine neue Flamme Ulli kennen, mit der er durchbrennen will. Aber zuvor schließt er mit seinem bisherigen, auf Pump errichteten Anpasser-Leben ab, indem er die teure Wohneungsseinrichtung rabiat mit einer Motorsäge zerlegt. „Es kommt der Tag, da will die Säge sägen“, sagt Katlewski.

Heute haben Mieter nicht mehr nur mit Abzahlungen auf Wohnungseinrichtungen, sondern auch mit der Überschuldung ihrer Wohnungsvermieter zu kämpfen. Windige Geschäftsleute und Finanzinvestoren haben riesige Wohnungspakete mit minimalem Eigenkapitaleinsatz und hohen, weltweit gehandelten Schuldverschreibungen erworben. An die Stelle von Jugendlichen, die dem Arbeitstrott und der Konsumnormalität entrinnen wollen, sind Erwerbslose getreten, die froh sind, wenn sie wenigstens eine Wohnung bezahlt bekommen. Die einstigen Wohn-Symbole der Fabrikgesellschaft aber werden gleichzeitig zu Mahnmalen des Finanzmarkt-Kapitalismus.
Wenn die öffentliche Hand aus der Verantwortung für das Wohnen aussteigt und einem ausgeflippten Markt die Zerlegung der Wohnungen überlässt, braucht es keine Katlewskis mit ihren Motorsägen mehr. Die Realität hat die Fiktion eingeholt.


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