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12. September 2008 (Weitere Initiativen und Bündnisse)

Auf der Suche nach Nachbarn

Zusammenwohnen mit Freunden. Ein Traum, der auch für Mieter zu verwirklichen ist? - Gemeinschaftliche Wohnformen liegen im Trend. Immer mehr älter werdende Menschen tun sich zusammen, um für ihren dritten Lebensabschnitt ein Wohnen jenseits von Vereinsamung und Hilfsbedürftigkeit zu organisieren. Bauwillige Familien schließen sich zu Gruppen zusammen, um kinder- und altenfreundliche Siedlungen zu realisieren. Jüngere und ältere Menschen suchen nach Hausgemeinschaften über Generationen-Grenzen hinweg... Immer geht es um gutes Wohnen, aber auch um soziale Werte, die in unseren zunehmend nach Alter, Status und Einkommen gespaltenen Städten rar werden: tolerante Nachbarschaft, Begegnung vor der Haustür, gegenseitige Hilfe, Freude an gemeinsamen Unternehmungen. Diese Bedürfnisse sind nicht vom Einkommen abhängig. Ihre Befriedigung manchmal schon.

Der bestehende Mietwohnungsbestand ist überaltert. Er wird heutigen Anforderungen an Barrierefreiheit, Klimaschutz und lockerer Nachbarschaft nicht mehr gerecht. Umbau ist teuer, Neubau findet seit Jahren vor allem im Eigenheimsektor statt. Was tun, wenn man nicht zu den Glücklichen gehört, die ihr Erb- oder Hausteil für das Wohnen mit Freunden einsetzen können?

Freunde in einem Haus
Ein typisches Beispiel: Eine Gruppe von zumeist in Sozialberufen tätigen Menschen aus verschiedenen Städten im östlichen Ruhrgebiet, die sich „Freunde in einem Haus“ nennt, sucht seit über einem Jahr ein großes Haus zur Miete. Denn Kaufen kommt bei den niedrigen Gehältern nicht in Frage. Trotz vieler Besichtigungen hat die Gruppe ein Objekt, das ihren Ansprüchen genügt, bislang noch nicht gefunden.
Das Problem: Auch wenn die Leerstände zunehmen, sind nur selten große Häuser komplett frei. Und wenn, dann sind es meist entweder herunter gekommene Immobilien oder sie stehen nur zum Verkauf.

Kleinere Gruppen und Wohngemeinschaften haben es einfacher. Es gibt immer mehr leerstehende 1- und 2-Familienhäuser. Allerdings liegen die nicht unbedingt in urbanen Vierteln. Und bei einer Anmietung kann man auch nicht von dauerhafter Sicherheit ausgehen. Immer wieder werden Wohngemeinschaften wegen Eigenbedarfs aus dem angemieteten 1- oder 2-Fa-milienhaus gekündigt. Um das zu vermeiden, kann man versuchen, den Vermieter bei Abschluss der Mietverträge zu einem Ausschluss von Eigenbedarfskündigungen zu bewegen. Aber das wird die Ausnahme bleiben.

Glückliche 81er
Nicht ohne Grund ist eine ganze Reihe von jüngeren Wohnprojekten im Ruhrgebiet aus prekären Wohnnutzungen entstanden, die sich in den frühen 80er Jahren – der Zeit der "Instandbesetzer" – in Sanierungs- und Abbruchgebieten festsetzten. Ist man erst einmal zu niedrigen Mieten ansässig, wachsen die Chancen, den Eigentümer – meist städtische Stellen – in zähen Verhandlungen zu einer preisgünstigen Überlassung der Grundstücke zu bewegen.

Ein Beispiel für solch eine ehemals provisorische Wohnnutzung ist das Wohnprojekt Gerthe in Bochum. Nach langem Hin und Her um die ehemalige Zwangsarbeitersiedlung ist das Projekt heute Eigentum einer neu gegründeten Genossenschaft der BewohnerInnen.
Bei einem Grundstück in Dortmund-Schüren laufen die Kauf-Verhandlungen zur Zeit noch: Die 20 BewohnerInnen des Wohnprojekts "Förderturm" sind seit 1981 in ehemaligen Flüchtlingsheimen auf den grünen Resten eines Autobahnbaus ansässig. Demnächst wollen sie eine Genossenschaft gründen und die Häuser samt dem 1 ha großen Grundstück (das nicht bebaut werden darf) zu einem günstigen Preis von der städtischen Liegenschaftsverwaltung übernehmen. Der Genossenschaftsanteil wird voraussichtlich sehr niedrig sein. Aber auf die Bewohner-Innen wartet auch jede Menge Arbeit bei der Erneuerung ihrer Häuser und der Pflege der großen Grünflächen.
Nicht ganz in diese Gruppe, aber doch in die Kategorie "Hartnäckigkeit zahlt sich aus" passen auch die neu gegründeten Genossenschaften in Gelsenkirchen-Ückendorf und –Hassel: Hier werden die Mieter - nach jahrzehntelangen Kämpfen gegen Abriss und Privatisierung - ihre Bergarbeitersiedlung gemeinsam von der Annington kaufen; - zu erschwinglichen Sonderkonditionen.

Was aber tun die, die nicht in langen Häuserkämpfen solche Sonderbedingungen erstreiten konnten?

Freunde ziehen ins Viertel
Für größere Freundeskreise realistischer als die ewige Suche nach dem Top-Haus ist folgendes Vorgehen: Man sucht sich ein Stadtviertel, in dem genügend geeignete Wohnungen leer stehen oder bald leer stehen werden. Dort mietet die Gruppe dann nach und nach verschiedene Wohnungen an, die nah genug beieinander liegen, damit sich z.B. die Kinder zu Fuß besuchen können. Dabei muss man sich dann allerdings auf die anderen Nachbarn im Viertel einlassen, entgeht dafür aber der Gefahr, in einem selbstgeschaffenen Ghetto zu landen.

Genossenschaften und kommunale Wohnungsunternehmen können sich durchaus aufgeschlossen zeigen, solche Vorhaben auch aktiv zu unterstützen. Denn eine Gruppe, die in problematische Bestände einzieht und dabei auch noch bewusst die Nachbarschaft stärken will, ist für die Wohnungswirtschaft ein Glücksfall. Aber das heißt nicht, dass die vorhandenen Angebote auch tatsächlich auf die Bedürfnisse passen. Hier sollte man mit den Wohnungsunternehmen über Umbaumaßnahmen reden, die den Bedürfnissen entgegen kommen. Bauliche Maßschneiderei hat in verstreut leerstehenden Wohnungen allerdings ihre Grenzen.

Das Bauprojekt
Bei Wohnungsbauprojekten im Gemeinschaftseigentum (der Klassiker ist die Genossenschaft) sind die Baukosten grundsätzlich genauso hoch wie bei vergleichbaren Eigentums- oder Mietwohnungsbauten. Nur dass der Profit eines privaten Entwicklers entfällt. Dafür hat man bei einem Wohnprojekt aber garantiert Extrawünsche. Dazu gehört mindestens der absolut notwendige Gemeinschaftsraum für Treffen und Feiern, oder besonders viel Grün. Vieles davon lässt sich im Kostenrahmen des sozialen Wohnungsbaus finanzieren. Sozialwohnungen lassen sich heute ohne weiteres mit frei finanzierten kombinieren.

Das eigentliche finanzielle Problem ist - wie beim privaten Hausbau auch - das Eigenkapital. Bei dem Wohnprojekt „buntStift“ in Bochum-Langendreer zum Beispiel muss jedes Mitglied der neu gegründeten Genossenschaft 425 Euro für jeden privat genutzten Quadratmeter Wohnfläche als Genossenschaftsanteil einzahlen. Dafür gibt es in dem bis auf den Rohbau komplett neu errichteten Komplex jede Menge Qualität: helle Wohnungen mit Balkon oder Terrasse um eine gemeinsame "Piazza", barrierefreie Wohnungen für Menschen hohen Alters, einen Gemeinschaftsraum, Gärten und natürlich Gemeinschaft ohne Zwang. Und das alles zu Mieten, die je nach Einkommen zwischen 4,50 und 5,90 Euro/qm liegen.

Der Genossenschaftsanteil wird bei einem etwaigen Auszug natürlich zurückgezahlt. Er ist eine Anlage, für die man sich das Geld auch leihen kann. Wenn es ernst wird mit einem Bau, geben Verwandte ja auch in anderen Fällen etwas dabei. Und außerdem: Solidarität macht stark. Eine Gemeinschaft schafft auch viele Gelegenheiten, dass man sich günstig Geld leihen kann.

Der gute Investor
Die Alternative zum eigenen Kapital: Man muss ein Wohnungsunternehmen finden, das ein Wohnprojekt im Sinne der eigenen Vorstellungen realisiert. Derartige Beispiele gibt es zum Beispiel in Herne. Dort hat der Verein „Wohnen im (un)Ruhestand“ gleich zwei Mietprojekte mit Partnern realisiert: In Zusammenarbeit mit der kommunalen HGW wurde 1999 ein Wohnprojekt mit 21 Mietern bezogen. Seit 2005 gibt es in Zusammenarbeit mit einer Bauherrengemeinschaft ein weiteres Gemeinschaftsprojekt für 52-54 Mieter in der Herner Innenstadt. Wir berichten in der nächsten Ausgabe.

Ein interessantes Konzept verfolgt auch das Matthias-Claudius-Sozialwerk in Bochum. In unmittelbare Nähe zum Hauptbahnhof entsteht unter Beteiligung der künftigen Bewohner das Projekt "Integratives Mehr-Generationen-Wohnen" mit 47 Mietwohnungen und –reihenhäusern, davon ca. 20 % als sozialer Wohnungsbau. Neben Gemeinschaftsflächen soll ein kleines Hotel mit angegliederter Gastronomie betrieben werden. Weitere Gewerbeflächen sollen zur Verfügung stehen. Das Ganze ist als Solarsiedlung angelegt und soll 2010 bezugsfertig sein.

Ab und zu kommt es auch vor, dass Sponsoren das Eigenkapital beisteuern. Sponsoren-finanziert sind zum Beispiel mehrere Beginen-Häuser, also Wohnprojekte von Frauen. Auch darüber werden wir noch berichten.


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