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15. Juni 2015 (Aus den Städten)

Flüchtlingssituation in Dortmund - Von der Turnhalle in die eigene Wohnung

Seit November hat die Stadt Dortmund mehr als ein Dutzend Notunterkünfte für Geflüchtete eingerichtet oder angekündigt. Während mehr als 1.000 Menschen in solchen Unterkünften leben, wohnt der Großteil in den eigenen vier Wänden. Dieser Weg in die eigene Wohnung ist für viele Geflüchtete nicht einfach und hat Hürden – doch vielen von ihnen wird geholfen.

Bilal (Name geändert) schenkt Kaffee in zwei Tassen ein, eine für ihn, eine für mich. Seinen trinkt er schwarz, mit vier Stück Zucker. Vor dem Fenster eine Spüle, Kühlschrank und Waschmaschine, gegenüber zwei Sideboards, ein paar Schritte weiter ein Tisch mit drei Stühlen. Daneben geht es ins nächste Zimmer, rechts eine Matratze und ein Fernseher, links bilden Sofa, Sessel und Tisch eine Sitzecke. Seit Mitte März wohnt Bilal in der Nähe des Hafens. „Freunde haben mir geholfen, die Wohnung zu finden“, erzählt er. Seine vorherige Bleibe war eine Turnhalle in der Dortmunder Innenstadt.

Bilal ist einer von rund 2.900 geflüchte-ten Menschen, die zurzeit in Dortmund leben, etwa 1.100 von ihnen in Notunterkünften. Diese Unterkünfte wurden nach dem starken Anstieg der Geflüchtetenzahlen im vergangenen Jahr eingerichtet – in ehemaligen Schulen, Containern und eben in den Brügmannhallen, zwei Turnhallen, in denen normalerweise Tischtennis- oder Volleyballvereine trainieren.

Menschen in Wohnungen
Die Unterkünfte in Dortmund und das Leben dort waren in den letzten Monaten immer wieder Thema in den Medien. Doch wie geht es eigentlich weiter, wenn die Menschen aus den Unterkünften ausziehen? Das nämlich ist erklärtes Ziel der Stadt Dortmund.

„Menschen leben in Wohnungen“ ist das Motto der Stadt, die dabei eng mit Unterkunftsbetreibern und Wohnungsgesellschaften zusammenarbeitet. Danach aber endet die Betreuung oft, dann müssen sich die Geflüchteten allein im Stadtteil, im Alltag und im deutschen Behördendschungel zurecht finden.

Geflüchtete Menschen erhalten in Deutschland Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, das Regeln für fast jeden Lebensbereich aufstellt. Bei der Suche nach einer Wohnung sind Angemessenheitsgrenzen für die Miete zu beachten, die sich nach der Personenzahl richten. In Dortmund dürfen es für eine Person maximal 352,50 Euro für Kaltmiete und „kalte“ Nebenkosten sein. Dazu kommen 352 Euro für den Lebensunterhalt.

„Eine Wohnung zu finden, klappt ganz gut“, sagt Nahid Farshi, Vorsitzende des Mitte April gegründeten Vereins „Projekt Ankommen“, der Geflüchtete beim Einleben in den Alltag unterstützt. „Wir wollen da ansetzen, wo die Arbeit der Betreiber endet“ – das heißt, wenn die Menschen aus einer Unterkunft aus- und in eine eigene Wohnung einziehen. Schon dieser erste Schritt in den Alltag hat bürokratische Hürden. Wer eine Wohnung haben möchte, muss zuerst einen Vorvertrag abschließen und benötigt die Genehmigung vom Sozialamt. Bis die da ist, ist die Wohnung oft schon weg.

Bilal hatte Glück. Der Vermieter einer Bekannten hatte eine passende Wohnung für den 35-Jährigen und wartete auch die Genehmigung des Sozialamtes ab. Nach drei Monaten in den Brügmannhallen zog er in die kleine Wohnung in der Nordstadt. Anfang des Jahres hatten rund 120 Geflüchtete ihre Unterbringung in den Turnhallen kritisiert und dies in einem Brief an die Stadt öffentlich gemacht. „Wir haben wochenlang auf zu kleinen Feldbetten geschlafen, hatten keine Privatsphäre und das Essen hat nicht ausgereicht“, erinnert er sich an die Hallen, die mit Holzpaletten in einzelne Parzellen unterteilt worden waren. Sammelunterkünfte kannte Bilal vorher nicht. Auch er hat den Brief unterschrieben.

Unterstützung haben die Menschen in den Brügmannhallen von der Initiative „Refugees Welcome Dortmund“ bekommen, die die schwierigen Umstände in der Unterkunft thematisierte und Sammelunterkünfte grundsätzlich ablehnt. Die Gruppe sieht Notunterbringungen lediglich als kurzfristige Notlösung.

Der Verein „Projekt Ankommen“ will Menschen langfristig in den Alltag begleiten: Strom, Gas und Rundfunkbeitrag anmelden, die Kinder in der Kita oder der Schule anmelden, eine Ärztin oder einen Anwalt finden, sich einleben, eben ankommen, erklärt Nahid Farshi. Auch in anderen Unterkünften engagieren sich Vereine und einzelne Ehrenamtliche. „Projekt Ankommen“ will betreiber- und unterkunftsübergreifend im ganzen Stadtgebiet aktiv sein. Das ist eine Menge Arbeit, darum ist der Verein nicht nur für Sachspenden dankbar, sondern auch für Menschen, die Ansprechpartner sein wollen, Geflüchteten in rechtlichen und Verwaltungsfragen helfen, aber auch einfach mal ein offenes Ohr haben, sagt Farshi: „Das ist manchmal wichtiger als Möbel.“

Beim Mietvertrag und bei Ämtergängen, bei der Möbelsuche und dem Umzug hat Bilal Unterstützung aus dem Freundeskreis bekommen. Jetzt hilft er anderen: Vor ein paar Tagen hat er Menschen aus Syrien  zu einer Wohnungsbesichtigung begleitet. Er übersetzt ins Englische, eine andere Begleiterin dann ins Deutsche. „Das ist wie ein Kreislauf“, sagt er.

Projekt Ankommen, E-Mail:
projektankommen.dortmund@gmail.com

Projekt Ankommen, aber auch andere Ehrenamtliche, nehmen Sachspenden für den Haushalt entgegen. Wenn Sie Möbel oder Geschirr abgeben oder sich anders engagieren wollen, fragen Sie in einer Unterkunft für geflüchtete Menschen nach. Eine Übersicht über Kontaktpersonen erhalten Sie in der Geschäftsstelle des Mietervereins und unter www.mvdo.de/hilfe.html.

Autorin : Alexandra Gerhardt
Der Artikel wurde in Mieterforum Dortmund, Ausgabe 40 (II/2015) veröffentlicht: https://www.mieterverein-dortmund.de/archiv_mieter_forum.html


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