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5. Januar 2016 (Aus den Städten)

Kommunaler Wohnungsbau: Die Wiederentdeckung

Bei der Unterbringung geflüchteter Menschen stoßen Kommunen mehr und mehr an ihre Grenzen. Die Stadt Dortmund hat sich jetzt entschlossen, neue öffentlich geförderte Wohnungen zu bauen. Damit könnte sie etwas angehen, was sie lange vernachlässigt hat: die Schaffung von günstigem Wohnraum. Davon sollen nicht nur Flüchtlinge, sondern alle profitieren.

Im Dortmunder Hafen liegen im Moment zwei Kreuzfahrtschiffe vor Anker, in denen geflüchtete Menschen leben. Drei Turnhallen sind zu Notunterkünften umfunktioniert, in fast jedem Stadtteil stehen Container, Leichtbau- oder Traglufthallen. 2.500 Geflüchtete in Dortmund kommen derzeit in einer dieser Sammelunterkünfte unter. Klar ist: Deutschland muss Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, eine Heimat bieten. Doch klar ist auch: Krieg, Armut und Not in der Welt gehen nicht plötzlich vorbei. Viele der Menschen, die gerade herkommen, werden bleiben, leben, arbeiten und wohnen.

Aber wo? Diese Frage stellt sich immer öfter. Wohnraum wird knapp, und der aktuelle Dortmunder Wohnungsmarktbericht (siehe S. 18) stellt einen Leerstand von nur noch zwei Prozent fest. Und nicht nur geflüchtete Menschen brauchen günstigen Wohnraum, sondern auch Wohnungslose, Geringverdienende, Studierende, Ältere oder Menschen, die Sozialleistungen erhalten.

Dem will die Stadt Dortmund entgegenwirken, indem sie neue öffentlich geförderte und preisgebundene Wohnungen baut. Dabei setzt sie auf die soziale Wohnraumförderung des Landes Nordrhein-Westfalen. Schon seit einem Jahr unterstützen das Land und die NRW.Bank Kommunen beim Neu- oder Umbau von Sammelunterkünften für Asylsuchende, seit Juni werden sowohl Städte und Gemeinden als auch Wohnungsunternehmen und Privatinvestoren besser gefördert, wenn sie Wohnraum für Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge bauen. Außerdem erhält NRW vom Bund höhere Kompensationsleistungen für deren Unterbringung.

Das Land wird im kommenden Jahr etwa 40.000 Wohnungen benötigen, Dortmund allein mehr als 2.000. Darüber, wo diese Wohnungen entstehen und was sie kosten sollen, kann die Stadt bisher noch nichts sagen. Möglicherweise wird sie selbst Bauherrin und errichtet mit Hilfe des Tochterunternehmens „Dortmunder Stadtentwicklungs GmbH“ neue Sozialwohnungen. „Diese Gesellschaft übernimmt das Baumanagement und die Stadt schafft bilanzielle Werte“, erklärt Klaus Graniki, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft. Er leitet auch das Dortmunder Wohnungsunternehmen DOGEWO21, das die Wohnungen im Auftrag der Stadt bauen soll.

Langfristiger Wohnraum für alle

Auch andere Städte wie Duisburg oder Bottrop wollen Wohnraum durch Neubau schaffen. Im Kreis Warendorf hat eine katholische Kirchengemeinde ein Haus mit vier Wohnungen errichtet. Und auch die Stadt Dortmund hält an ihrem Ziel der verstreuten Unterbringung weiter fest und ist damit auf Landes-Linie: „Wir wollen keine zentralen Wohnlager oder Container-Städte, sondern dezentrale Wohnquartiere für Asylsuchende schaffen“, sagte NRW-Bauminister Michael Groschek im August in einer Presseerklärung.

Die Landesregierung will mit den verbesserten Förderkonditionen das gesamte niedrige Angebotssegment auf dem Wohnungsmarkt erweitern und so eine strukturelle Frage angehen: die nach günstigem Wohnraum.

Warum der nicht längst entstanden ist? In öffentlich geförderten Wohnungen, wie sie jetzt entstehen sollen, darf die Miete in Dortmund nicht mehr als 5,25 Euro pro Quadratmeter im Monat kosten. „So günstig können wir gerade nicht bauen“, sagt Graniki. Denn nicht nur die allgemeinen Kosten sind gestiegen, auch gesetzliche Regelungen machen Bauen teurer. Darum haben DOGEWO21 und die Wohnungsgenossenschaft Spar und Bau eine Resolution verabschiedet, in der sie neben nachhaltiger Integration und Sozialarbeit auch Erleichterungen beim Wohnungsbau fordern: So solle zum Beispiel die nächste Stufe der Energieeffizienzverordnung EnEV nicht im Januar 2016, sondern erst später in Kraft treten, dazu fordern die Bauunternehmen Erleichterungen bei Lärm- oder Denkmalschutz und beim Vergaberecht.

Davon hält Prof. Christa Reicher nicht viel. Die Leiterin des Fachgebiets Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung an der TU Dortmund sieht bei der Absenkung von Standards die Gefahr eines Wohnraums „zweiter Klasse“: „In den 1970er Jahren setzte Stadtplanung mehr auf Quantität, weniger auf Qualität. Es sind monofunktionale Großsiedlungen entstanden, die kaum in das Gefüge unserer Städte integriert sind. Diese Fehler sollten sich nicht wiederholen.“ Das heißt für die Städtebau-Professorin auch, auf Aspekte wie die Nähe zu öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten zu achten und Wohntypen zu mischen, sodass unterschiedliche Generationen, Familien und Einzelpersonen im selben Haus leben können.

Den jetzigen Weg hat die Stadt spät eingeschlagen. Es scheint aber ein guter zu sein, glaubt auch Reicher: „Die Stadt hat erkannt, dass sie gerade jetzt aktiv Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen muss. Trotz des akuten Handlungsbedarfs kann sie sich den Gestaltungsspielraum für das Wohnen von morgen und übermorgen zurückerobern.“


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