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5. Oktober 2016 (Aus den Städten)

Geflüchtete auf Wohnungssuche: Ein schwieriger Weg

Von etwas mehr als 6.000 Geflüchteten in Dortmund leben gut zwei Drittel mittlerweile in eigenen Wohnungen. Dennoch haben neu zugewanderte Menschen Schwierigkeiten, Wohnraum zu finden. Denn ein angespannter Wohnungsmarkt und Vorurteile gegenüber Geflüchteten und Migranten erschwert ihnen den Weg in die eigenen vier Wände.

Yazan und Ahmad haben Wohnungen gefunden. Endlich. Einfach war das nicht: ausgrenzende Gesetze, dubiose Geschäftsleute und Vorurteile von Vermietern haben die Suche in die Länge gezogen. In Thüringen waren die beiden zuerst, haben in einer Sammelunterkunft auf ihre Anerkennung gewartet – wohl haben sie sich nicht gefühlt. „Dort leben wenige Syrer, und auch zu Deutschen hatten wir keinen Kontakt.“ Und ohne Status „konnten wir auch nichts tun, nicht Deutsch lernen, keine Arbeit suchen.“ Ein typisches Leben von Geflüchteten in Deutschland. Darum wollten sie vor allem eins: schnell eine Wohnung.

Knappheit schafft Abhängigkeiten

Erst nach sechs Monaten haben asylsuchende Menschen das Recht, in einer eigenen Wohnung zu wohnen, vorgesehen ist die Unterbringung in einer Sammelunterkunft bis zum Abschluss des Verfahrens. Danach werden Sozialleistungen nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und vom Sozialamt gezahlt, sondern nach dem Sozialgesetzbuch vom Jobcenter übernommen. Kommunen sind dann nicht mehr für die Unterbringung zuständig, sondern nur noch für die Miete. Suchen müssen die Menschen allein.

Yazan und Ahmad haben im Internet gesucht. Innerhalb von Facebook gibt es Gruppen, in denen sich Menschen auf und nach der Flucht koordinieren und sich gegenseitig über Behördengänge oder Rechtliches austauschen. „Auf meine Anfrage antwortete jemand, dass er in Dortmund eine Wohnung habe, also bin ich hingefahren.“ Im Ruhrgebiet angekommen, sei die angebliche Wohnung plötzlich nicht mehr da gewesen – doch der Mann, ebenfalls ein Syrer, habe ihm angeboten, bei ihm zu wohnen und weiter zu suchen. „Ich musste Lebensmittel und Zigaretten für ihn kaufen, alles bezahlen. Er hat mich ausgebeutet. Aber ich konnte ja nichts tun, ich brauchte ja eine Adresse!“

Ohne Adresse geht in Deutschland fast nichts. Nur wer zum Beispiel in Dortmund gemeldet ist, kann hier Sozialleistungen beziehen, von denen wiederum eine Wohnung gezahlt wird, oder Post vom Amt bekommen. Und wer nicht einmal irgendwo wohnt, kann kaum gesellschaftlich Fuß fassen. Ohne Wohnung kein Job, ohne Job kein eigenes Geld, ohne eigenes Geld keine Unabhängigkeit. Obdach- und Wohnungslose kennen das schon lange.

Doch besonders günstiger Wohnraum ist in Ballungsgebieten, auch in Dortmund, knapp geworden. Der städtische Wohnungsmarktbericht, der im September vorgestellt wurde, hat den strukturellen Wohnungsleerstand in Dortmund auf 1,8 Prozent beziffert. Die Zahl derer, die von Transferleistungen wie Hartz IV, Sozialhilfe oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz abhängig sind, hat 2015 die 100.000er-Marke überschritten. Besonders betroffen sind diejenigen, denen Sozialamt oder Jobcenter vorgeben, wie groß ihre Wohnung sein und was sie kosten soll. Die Zahl solcher passenden Wohnungen ist laut dem Wohnungsmarktbericht erneut gesunken. Einkommensarme, Alleinerziehende, Studierende, Wohnungslose und Geflüchtete suchen im gleichen preisgünstigen Wohnungssegment. Durch steigende Mieten und eine steigende Bevölkerungszahl ist der Wohnungsmarkt hier angespannt. Andere, wie EU-Zugewanderte, haben auf dem regulären Wohnungsmarkt oft gar keine Chance.

Die Knappheit schafft Abhängigkeiten, die ausgenutzt werden. Yazan und Ahmad erzählen, wie jemand, der sich ihnen als Makler vorstellte, mehrere hundert Euro für die Vermittlung einer Wohnung verlangt habe. „Viele der Menschen, die wir unterstützen, berichten, dass sie für die Vermittlung von Wohnungen Geld gezahlt haben“, sagt auch Nahid Farshi vom Projekt Ankommen. Die Initiative unterstützt Geflüchtete in Dortmund dabei, in der Stadt und im Alltag Fuß zu fassen. Oft funktioniere es so, dass Einzelne sich gegenüber Vermietern als Helfer oder Vermittler ausgeben und dann bei den Suchenden kassieren, weiß sie aus Erzählungen. „Mal sind es 300 Euro, mal 500“, sagt Farshi. „Oft sind die Wohnungen schlecht, doch viele Menschen zahlen, weil sie einfach nur raus wollen aus den Unterkünften. Das macht uns sauer.“

Öffentlich gefördert

Von offiziellen Stellen liegen keine Infor­ma­tionen zu solchen Geschäften vor – vorstellbar sei es aber, so Thomas Böhm, Leiter des Amtes für Wohnen und Stadterneuerung der Stadt Dortmund. Die Stadt bemüht sich um weiteren Wohnraum, spricht Wohnungsbesitzer an und sucht nach Investoren für Wohnungsbauprojekte. Knapp 900 neue Wohnungen sind nach Angaben des Statistischen Landesamtes 2015 fertig geworden, 353 davon öffentlich gefördert. Fast 550 neue Wohnungen wurden im ersten Halbjahr 2016 bewilligt.

Laut Prognosen (u.a. von NRW.Bank und empirica) müssten nach seiner Aussage 2.000 Wohnungen pro Jahr neu entstehen, der jährliche Bedarf liegt laut Wohnungsmarktbericht bei 2.000 bis 3.000 neuen Wohnungen. Wer mit Förderprogrammen des Landes und des Bundes für sozialen Wohnungsbau baut, erhält Tilgungsnachlässe von derzeit bis zu 30 Prozent und verpflichtet sich im Gegenzug zu einer Quadratmeter-Kaltmiete von 5,25 Euro.

Klaus Graniki ist das zu wenig und zu langsam. „3.000 Menschen suchen in dieser Stadt im Moment eine Wohnung, und die können wir nicht unterbringen“, erläutert der DOGEWO21-Geschäftsführer den Bedarf. Selbst große Finanzinvestoren mit tausenden Wohnungen hätten mittlerweile keine Bestände mehr. In seinen Augen braucht es vor allem zwei Dinge: „schnellere Bautätigkeit und schnellere Genehmigungsverfahren.“

Yazan und Ahmad haben endlich etwas gefunden, einer in der Nordstadt, einer in Huckarde. Diesmal hatten sie einen ehrlichen Helfer, der seit Jahren in Deutschland lebt, sie zu den ansässigen Wohnungsunternehmen begleitete, ohne Gegenleistung. Eines wissen sie: „Ohne Hilfe geht es oft nicht. Darum helfen wir jetzt auch.“ (age)


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