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15. Dezember 2016 (Vonovia)

Vonovia: Aufstockung: Noch eins obendrauf

Bezahlbarer Wohnraum – insbesondere in Innenstadt-Lage – wird zunehmend knapper. Aufgrund fehlender Freiflächen sind Neubauten eher die Ausnahme als die Regel. Die Aufstockung von bestehenden Gebäuden um ein weiteres Geschoss bzw. der Ausbau von Dachgeschossen schafft zusätzlichen Wohnraum. Doch hohe Kosten, kommunale Auflagen und Belastungen für die vorhandenen Mieter müssen berücksichtigt werden.

Mit der Ruhe ist es für die Vonovia-Mieter rund um Blankensteiner, Metzer und Volmarsteiner Straße schon lange vorbei. In den vergangenen sechs Jahren wurden bereits Fassaden gedämmt und Balkone erweitert. Viele Mieter legten mit Unterstützung des Mieterverein Dortmunds Widerspruch gegen die Mieterhöhungen ein und wollten die Sanierung maroder Fassaden und Balkone nicht in der geforderten Höhe bezahlen. Bis heute ist die Streitfrage ungeklärt. Es laufen mehrere Gerichtsprozesse vor dem Amts- und Landgericht Dortmund.

Nun kommt es erneut zu schweren Baumaßnahmen und längerfristigen Belastungen durch Baulärm und Dreck. Der Bochumer Wohnungsriese setzt den Mietern ein weiteres Geschoss aufs Dach und lässt auch noch die Fenster austauschen und alte Heizkessel erneuern – selbstverständlich gegen neue Miet­erhöhungen.

Summe von Ärgernissen

„Ich bin fertig mit den Nerven“, sagt Petra Michalik* (Name von der Redaktion geändert). Sie wohnt in einem der betroffenen Gebäude im ersten Obergeschoss. Bis vor einigen Wochen befand sich über ihrer Wohnung ein gedämmter Trockenboden. Jetzt finden sich dort der freie Novemberhimmel, eine Baustelle und jede Menge Handwerker. „Und dann ist heute auch noch die Heizung ausgefallen“, sagt sie. „Mal wieder.“ Es ist die Summe der Ärgernisse, die die Mieterin zermürbt. Seit 1997 wohnt sie in einem der ehemaligen VEBA-Gebäude. „Ich habe mit Nachbarn gesprochen, die aktuell gar nicht direkt betroffen sind“, klagt Petra Michalik. „Aber auch sie leiden unter dem Lärm, dem Dreck, den Baugerüsten.“

Mit der Aufstockung und dem Ausbau von bisher nicht bewohnten Dachgeschossen liegt Vonovia im Trend und schafft dringend benötigten neuen Wohnraum. Eine aktuelle Studie der TU Darmstadt sieht ein Potenzial von bundesweit mehr als einer Million zusätzlichen Wohnungen, die durch solche Maßnahmen gewonnen werden könnten. Das Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen hat sich die Potenziale ebenfalls angeschaut und stellte in einem Ergebnispapier die Chancen und Risiken von Dachaufstockungen gegenüber. Mittel- bis langfristig könnten solche Maßnahmen dazu beitragen den angespannten Wohnungsmarkt zu entlasten, so das Ergebnis der Experten. Kurzfristige positive Effekte seien aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten und zahlreichen baurechtlichen Rahmenbedingungen wie die Energieeinsparverordnung, Stellplatzpflicht und Einhaltung von Abstandsflächen eher nicht zu erwarten.

Nicht für Einkommensschwache

Auch Vonovia nimmt Geld in die Hand, um insgesamt 23 neue Wohnungen mit rund 1.500 m² Fläche zu schaffen. Kostenpunkt: 1.800 Euro/m² – ein wirklich günstiger Preis. Über die angepeilte Miete konnte Pressesprecherin Bettina Benner derzeit noch keine Aussage treffen. Da Vonovia laut eigener Aussage keine öffent- ­­lichen Fördermittel in Anspruch genommen hat, sind keine preisgebundenen Wohnungen für 5,25 Euro/m² zu erwarten. Im Bestand inseriert das Unternehmen derzeit Wohnungen mit Kaltmieten von rund 9,40 Euro/m². Die ruhige, innenstadtnahe Lage werden sich einkommensschwache Mieter und Geringverdiener also nicht leisten können.

Neben den Aufstockungsarbeiten führt das Unternehmen weitere Modernisierungsmaßnahmen wie etwa den Austausch einiger Heizkessel und den Einbau von wärmegedämmten Kunststofffenstern durch. Mit Mieterhöhungen, die bei mehr als dem Doppelten der Energieeinsparungen liegen sollen. Auf einer Mieterversammlung des Mietervereins im September, bei der auch Vertreter von Vonovia anwesend waren, wurden die erneuten Mieterhöhungen stark kritisiert. Unter den Nägeln brannten weitere Fragen zu den Aufstockungsmaßnahmen: Wie lange werden die Arbeiten dauern? Wie wird der wegfallende Trockenboden ersetzt? Welche Grünflächen werden zu Stellplätzen? Und wie werden benötigte Kellerräume für die neuen Wohneinheiten geschaffen?

Offene Fragen

Die Vonovia-Vertreter hörten sich die Einwände der Mieter zwar an, konnten aber auch einige Wochen später zu einzelnen Punkten wie etwa zu einem vom Mieterverein vorgeschlagenen Mobilitätskonzept keine konkreten Aussagen machen. „Da der Parkdruck bereits heute sehr hoch ist, haben wir für den gesamten Vonovia-Bestand einen Vorschlag gemacht, der auch Punkte wie Fahrradabstellanlagen und Car-Sharing beinhaltet“, verdeutlicht Mietervereinssprecher Tobias Scholz.

Auch in anderen Bereichen bleibt der Wohnungsriese unkonkret. Wegfallende Trockenböden sollen „auf Wunsch“ durch einen Trockner ersetzt werden. Wer für Wartungs- und Reparaturkosten aufkommt? Wie die Stromkosten umgelegt werden? Mal schauen. Selbstverständlich würde den betroffenen Mietern nach Abschluss der Maßnahme eine „angemessene Entschädigung“ gewährt, heißt es aus der Pressestelle des Unternehmens. Konkreter wird man auch hier nicht.

Für Petra Michalik sind die erneuten Baumaßnahmen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. „Es ist ja nicht nur die Dachaufstockung“, sagt sie. „Anschließend werden die Fenster ausgetauscht. Die alten wurden vor sechs Jahren, als das Haus wärmegedämmt wurde, dringelassen. Die Dämmung geht bis über die Rahmen. Die neuen Fenster werden jetzt also wahrscheinlich noch kleiner werden.“ Wieder Dreck,Lärm und Unannehmlichkeiten für die Mieterin. „Dieser ganze Ärger macht mich krank.“ Die Reißleine hat sie bereits gezogen: Sie steht auf der Warteliste für eine Genossenschaftswohnung ganz in der Nähe.

Dass ausgerechnet diese Gebäude aufgestockt werden, verwundert Tobias Scholz nicht: „Das ist ein lukratives Pflaster für Vonovia und ihre Anleger. Für Gering- und Durchschnittsverdiener werden die Mieten aber unbezahlbar bleiben. Grundsätzlich begrüßen wir die Schaffung neuer Wohnungen. Aber gerade der günstige und bezahlbare Wohnraum ist knapp und daran ändern solche Aufstockungsmaßnahmen kurzfristig nichts. Darüber hinaus verlaufen die Planungen hier ohne jegliche Beteiligung der bisherigen Mieter.“ (mik)


>>> Rechtsberatung für Mieterinnen und Mieter
 

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