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13. Juni 2017 (Aus den Städten)

Bochum: Haus in Hamme besetzt

Zum ersten mal seit fast 20 Jahren ist in Bochum wieder ein Haus besetzt worden. Es handelt sich um ein denkmalgeschütztes 6-Parteien Wohnhaus mit Ladenlokal in Bochum Hamme. Das Ladenlokal steht schon seit 16 Jahren leer, die letzte Wohnung wurde vor einem dreiviertel-Jahr von den Mietern geräumt. Die Eigentümerin, eine über 80-jährige Dame aus der Nachbarschaft, hat Schulden bei der Stadt. Die hat die Zwangsversteigerung angeordnet.

Ein Bild wie in den 80ern: Während vor dem Musikzentrum mehrere Dutzend Stadt-für-Alle-Aktivisten demonstrieren gegen die immer weiter voran schreitende Privatisierung und Kommerzialisierung öffentlichen Raums, schreiten 2 km weiter nördlich junge Menschen zur Tat. Wenig später hängen an der Fassade der Herner Straße 131 die ersten Transparente: „Besetzt!“ steht darauf und „Wir bleiben alle“.

Die Besetzerinnen und Besetzer – wie früher überwiegend junge Leute – wollen nicht nur die Wohnungen wieder nutzen, sondern auch eine Nachbarschafts-Begegnungsstätte schaffen, die allen offen steht, nicht nur solchen, die Geld ausgeben können, wenn sie ausgehen.

Damit lassen sie sich nicht viel Zeit. Schon am Sonntag gibt es das erste Hinterhof-Gartenfest, am 26. die erste Podiumsdiskussion, das Ladenlokal wird geöffnet, der KostNix Laden bietet Sachen zum Verschenken an. Die Besetzer*innen diskutieren untereinander, aber auch mit vielen Interessierten von Außerhalb die Möglichkeiten, die ein solches Haus bietet.

Die Nachbarn reagieren positiv. Viele haben sich über die jahrelange Vernachlässigung des Gebäudes geärgert und begrüßen, das endlich etwas passiert. Sie kommen zum Reden, helfen aus mit Material.

Es gibt sehr viel zu tun. Das Haus ist in schlechtem Zustand, einige Wände sind feucht, Dachboden und Keller vermüllt. Doch nach einer Woche sind alle Wohnungen geöffnet, freigeräumt und geputzt. Zur Ermittlung, was alles getan werden muss, um die größten Mängel zu beheben, brauchen die Besetzer aber Hilfe.

Solidarität

Viele Gruppen in der Stadt solidarisieren sich binnen kürzester Zeit. Der Mieterverein zeigt Verständnis. Geschäftsführer Michael Wenzel: „Es ist schade, das junge Leute zu rechtswidrigen Mitteln genötigt werden, um ein wichtiges und richtiges Signal zu setzen. Nach offiziellen Angaben stehen in dieser Stadt immer noch mehr als 7.000 Wohnungen leer. Gleichzeitig wird es für Einkommensschwache immer schwieriger, bezahlbaren Wohnraum zu finden, und die Hälfte aller Flüchtlinge lebt immer noch in Übergangs-Unterkünften.“

Der Mieterverein fordert seit mehr als einem Jahr von der Stadt den Erlass einer sogenannten Zweckentfremdungssatzung, mit deren Hilfe man energischer gegen Leerstände vorgehen könnte. Viele der leeren Häuser sind ja in einem ähnlichen Zustand wie die Herner Straße 131 – nämlich ohne vorherige Sanierung nicht vermietbar. Die Stadt solle hier „fördern und fordern“: einerseits vorhandene Hilfen vermitteln, andererseits gegen hartnäckige Verweigerer entschlossen vorgehen.

Reden statt Räumen

Was Polizei und Eigentümerin angeht, hofft der Mieterverein, dass sie mit den Besetzer*innen reden, statt zu räumen. Doch am ehesten liegt der Schwarze Peter bei der Stadt. Zwar hat die Hauseigentümerin Strafanzeige erstattet, doch die Polizei hält offenbar eine schnelle Räumung nicht für erforderlich, weil von der Besetzung keine weiteren Straftaten ausgehen.

Wie ein Damokles-Schwert hängt allerdings das Datum 22. Juni über dem Gebäude. Für diesen Tag ist die Zwangsversteigerung angesetzt. Betrieben hat diese die Stadt Bochum. Denn dort hat die Eigentümerin Schulden in Form von nicht bezahlten Grundbesitzabgaben. Zwar sind schon zwei vorangegangene Termine geplatzt, weil es keine Gebote gab. Und ein Schnäppchen ist das Haus trotz nur 180.000 € Verkehrswert wegen des Denkmalschutzes und des hohen Investitionsbedarfs sicher auch nicht. Aber natürlich ist es jederzeit möglich, dass ein Spekulant sich das Objekt angelt, um es teuer zu sanieren und als Luxuswohnungen auf den Markt zu werfen.

Das wollen die Besetzer*innen verhindern. Und so geht es in den nächsten Wochen wohl auch um politischen Druck. Denn natürlich kann die Hauptgläubigerin die Zwangsversteigerung durch ein Stillhalte-Abkommen aussetzen lassen. Ob sie das tun wird, war bei Redaktionsschluss völlig offen.

Die Besetzer*innen diskutieren derweil, ob sie an einer Legalisierung interessiert sind. Denn natürlich könnten sie – Geld oder eine entsprechende Finanzierung vorausgesetzt – das Haus auch selbst ersteigern. Beispiele dafür gibt es, auch in Bochum, zum Beispiel an der Maarbrücke im nicht weit entfernten Goldhamme.

Aber anders als die dortigen Bewohner*innen vor fast 20 Jahren haben die Besetzer*innen der Herner Straße kein eigenes Wohn-Problem. Sie wollen in erster Linie das unnütze Haus wieder nutzbar machen für soziale und nachbarschaftliche Zwecke. Dazu gehört auch, das Haus „der Kapitalisierung des Wohnens“ zu entziehen, wie man in Diskussionen immer wieder hört. Übersetzt in Alltagsdeutsch: „Man kann hier keinen preiswerten Wohnraum für arme Menschen schaffen, wenn man zulässt, dass sich reiche Menschen mit dem Verkauf oder der Vermietung des Hauses eine goldene Nase verdienen.“

Über die verschiedenen Möglichkeiten dieses oder anderer geeigneter Objekte in der Stadt wird noch viel diskutiert werden. Mieterforum wird weiter berichten.


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