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20. Juni 2007 (Ohne Kategorie)

Demographischer Wandel und Stadtentwicklung

Kann Schrumpfen glücklich machen? - Deutschland schrumpft. Jedes Jahr zukünftig um 200.000 Einwohner. Jedes Jahr wird - rein rechnerisch - eine Stadt wie Lübeck, Magdeburg oder Aachen von der Landkarte verschwinden. So die Prognose der Vereinten Nationen. Nur eine Modellrechnung. Oder eine realistische Version von Verfall und Niedergang? Vielleicht auch: ein ungeahnter Freiraum für neues Leben in der Stadt?

Demographischer Wandel – das klingt abstrakt. Irgendwie nach ferner Zukunftsmusik. Neuerdings aber auch bedrohlich nah, seit die Medien ihn entdeckt haben. Ein apokalyptisches Zukunftsszenario, eine "Angstdebatte", wird da entworfen, wie die Journalistin Elisabeth Niejahr in ihrem Buch "Alt sind nur die andern" zu Recht feststellt. Stadt steht für Wachstum, Wohlstand und pulsierende Aktivität. Wer hört schon gerne von dramatischen Bevölkerungsverlusten, Heeren alter Menschen, verödeten Geisterstädten? Von Verteilungskämpfen zwischen Jung und Alt oder Arm und Reich? Die Botschaft klingt paradox, wie eine späte Rache des Verdrängten im Zeitalter des Jugendwahns.

Eigentlich ist alles schon in vollem Gange. Seit den 70er Jahren gibt es den Trend: Immer weniger Menschen werden in Deutschland geboren. Gleichzeitig werden sie immer älter. Das geschieht nicht nur in entwickelten Industriestaaten, sondern global. Und ist Folge des zivilisatorischen Fortschritts. Die Bevölkerungspyramide bringt das arg ins Wanken. Um im Bild zu bleiben: Am Kopf, bei den Methusalems, wird sie immer breiter, an den Füßen fängt sie an zu hinken. Auch eine plötzliche Geburtenexplosion könnte daran nichts ändern. Das Durchschnittsalter steigt stetig weiter.

Die schrumpfende Stadt
"Schrumpfgesichter" gibt es viele. Oder anders gesagt, im Detail ist alles differenzierter. In Ostdeutschland kennt man das Phänomen seit der Wiedervereinigung. Nicht die Demographie, sondern vor allem hohe Arbeitslosigkeit und die Abwanderung der Menschen haben tiefe Wunden in die Stadtlandschaft geschlagen. Der Stadtumbau Ost ist ein geflügeltes Wort geworden für die öffentlich geförderte Abrissbirne, im Fachjargon Rückbau genannt. In Westdeutschland gibt es, wie auch im Osten, Regionen mit prosperierender Wirtschaft und steigenden Einwohnerzahlen. Der demographische Knick ist hier nicht spürbar. In anderen Regionen wie im Ruhrgebiet ist es umgekehrt. Der Strukturwandel hat die Situation verschärft. Hohe Arbeitslosigkeit sorgt dafür, dass hier mehr Menschen fortgezogen sind. Zehn Jahre, so sagen die Experten, ist man im Ruhrgebiet der allgemeinen Entwicklung voraus.

Prognosen: Schrumpfen im Ruhrgebiet bis 2020
Bis 2020 ist es ein gutes Jahrzehnt. In 13 Jahre werden die meisten Ruhrgebietsstädte durchschnittlich 5-6 Prozent weniger Einwohner haben. Am meisten verlieren Gelsenkirchen mit 12,5 Prozent, Essen mit 10,5 Prozent und Duisburg mit 10 Prozent. Dortmund kommt nach der Prognose des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik mit einem Verlust von „nur“ 2 Prozent relativ glimpflich davon. Damit liegt die Stadt aber immer noch über dem durchschnittlichen Bevölkerungsverlust für ganz NRW. Nach 2020 nimmt die Dynamik der Bevölkerungsschrumpfung in allen Regionen noch mal zu.

Folgen des Schrumpfens
Der schleichende Prozess hat langfristige Folgen für alle Bereiche der Gesellschaft, nicht nur für die sozialen Sicherungssysteme. Unterschiedliche Politikbereiche müssen ganz neu gedacht werden: die Verkehrs- und Flächenplanung ebenso wie die Familien-, Bildungs-, Senioren- und Migrationspolitik. Obwohl lange verdrängt ist der demographische Knick tatsächlich auch heute schon in den Kommunen angekommen. Und zwingt sie zu handeln. Er reißt Löcher ins Stadtsäckel und stellt gewachsene Infrastruktur in Frage. Der öffentliche Personennahverkehr wird ausgedünnt, Kindergärten und Schulen geschlossen, weil nicht genug „Nachfrage“ besteht. Die Kanalisation kann man nicht einfach reduzieren, jedenfalls nicht ohne Geld. Das aber haben die Städte nicht. So steigen für die verbliebenen Bürger die Kosten.

Seniorengerecht: Wohnen in der Altenrepublik
Der Anteil der älteren Einwohner über 60 Jahre steigt stetig an. Darauf müssen Kommunen sich einstellen. Auf 30 Prozent bis 2010 allein in Dortmund. Nicht zufällig ist seniorengerechtes, selbständiges Wohnen bis ins hohe Alter hier schon heute ein wichtiges Thema. Weniger aus Humanität als aus klugen ökonomischen Gründen: Die Kommunen fürchten explodierende Pflegekosten, die sie über die Sozialhilfe mit finanzieren müssten. Die Wohnungsunternehmen möchten auch in der Zukunft Leerstand vermeiden. Sie haben die Senioren als Zielgruppe entdeckt und bauen ihre Bestände altengerecht aus. Was sinnvoll erscheint, wirft aber auch Fragen auf. Was z.B. bewirkt „Überalterung“ in Wohnquartieren?

Feststeht, der "Run" auf Einwohner ist keine düstere Zukunftsprognose. Die Konkurrenz der Städte ist seit Jahren Realität. Um stadtflüchtige, junge Familien zurückzugewinnen, schreiben Kommunen in mehr oder weniger großem Stil attraktive Baugebiete für stadtnahes Wohnen aus. Die Stadt Dortmund hat es mit dieser Strategie vorläufig geschafft, die Umlandwanderung zu stoppen. Als langfristige Perspektive taugt diese Wachstumsstrategie trotzdem nicht. Mit Wachstum und Ignoranz lässt sich Bevölkerungsschwund nicht bekämpfen. Vielleicht aber mit Mut und der bewussten Abkehr von eingefleischten Zielen?

Wie werden wir wohnen?
Anders als heute in jedem Fall. Vielleicht so: Seniorenstädte nach dem amerikanischen Vorbild Sun-City für betuchte Alte, exklusive Stadtwohnungen für besser verdienende Familien, verwahrloste Stadtquartiere für alle übrigen, die sich nichts anderes leisten können? Das kann passieren. Wenn ein Trend sich fortsetzt, der schon heute zu beobachten ist, die so genannte soziale Segregation. Bei entspanntem Wohnungsmarkt ziehen viele, die es sich leisten können, aus benachteiligten Stadtteilen in ein attraktiveres Wohnumfeld. Das fördert die Polarisierung, verschärft soziale Probleme und die Trennung sozialer Gruppen in den Quartieren. Die einen werden aufgewertet, die anderen fallen unten durch. Wenn niemand gegenlenkt, steht am Ende dieser fatalen Abwärtsspirale die Verslumung ganzer Stadtteile, um die sich niemand mehr schert. Liverpool und Brooklyn sind Beispiele dafür.

Wohn-Zukunft: Wie wär’s in Bunt?
Mal ins Blaue gedacht: Die Zukunft könnte auch weniger trist und trostlos sein, bunter sogar. Platz wäre genug dafür. Da, wo heute hoch verdichtete Stadtviertel, zubetonierte Wege, enge Straßenschluchten ohne Grün das Bild der Stadt prägen, könnten durch wohldurchdachten Rückbau Freiräume für neue Wohn- und Arbeitsqualität entstehen. Mehr Grün-, Wasser- und Freizeitflächen, Mietergärten und neue Erlebnisräume für die Kinder. Aber auch Raum für neue Wohnformen. Viele Menschen suchen danach, weil sie nicht ins Altenheim wollen. Die Alten-WG oder auch das generationsübergreifende Wohnen unter einem Dach sind heute schon für einige Realität. Dafür mehr Raum und Planungskompetenz zu schaffen, ist eine Aufgabe der Zukunft. Neu und vor allem quer denken gegen gewohnte Muster und Ressorts ist angesagt. Zum Beispiel so: Familien brauchen Unterstützung bei der Kinderbetreuung, viele ältere Menschen haben Zeit und Interesse, es zu tun. Warum nicht ein Wohnumfeld und wohnortnahe Strukturen ersinnen, in dem das Zusammenleben zum gegenseitigen Nutzen auch tatsächlich funktionieren kann? Wie solche Strukturen aussehen könnten, zeigt die Regionale Betreuungsbörse Taunus, die viele familienfreundliche Dienstleistungen anbietet. Hier können auch interessierte Senioren aktiv werden, indem sie eine Oma- bzw. Opapatenschaft für eine Familie übernehmen und so ihre Lebenserfahrungen sinnvoll einbringen.

Schrumpfen als Chance?
Es fehlt nicht nur das Geld, um einen solchen Umbau zu organisieren. Das Denken in Wachstumskategorien scheint zu verfestigt, als dass ein kreativer Umgang mit der Schrumpfung möglich wäre. So graben sich Städte gegenseitig das Wasser ab, stecken viel Geld in die Entwicklung neuer Wohnbauflächen, anstatt über den Tellerrand hinaus, nämlich regional zu denken. Und sich konsequent mit anderen Kommunen an einen Tisch zu setzen. Es fehlt den meisten an Mut und Phantasie.

Es gibt auch Hoffnungsschimmer. In vielen Kommunen spielt die Demographie in den Fachabteilungen sehr wohl eine Rolle. Aber eher hinter verschlossenen Türen, so scheint es. Es gibt sogar erste Ansätze einer regionalen Vernetzung wie den Masterplan Ruhr. Hier arbeiten die Städte auf freiwilliger Basis daran, den Wohnungsmarkt regional zu beobachten und neue Kommunikationsstrukturen zu etablieren. Es gibt das WHO-Projekt "age friendly city", ein Prädikat, das auch das Ruhrgebiet erwerben will. Auch gibt es viele Forschungsprojekte zum Thema. Alles ist noch sehr vage und abstrakt.

Schrumpfen macht glücklich
Viel mehr ist nötig, um die Weichen neu zu stellen: Die Enttabuisierung des Themas, eine öffentliche Diskussion, in die auch die Bürger mit einbezogen sind. Der demographische Wandel müsste als ressortübergreifender Planungsprozess in den kommunalen Strukturen und in der Region verankert werden. Eine Demographiebeauftragte gibt es bisher nur in Bielefeld. Das Ruhrgebiet braucht nicht nur eine regionale Umweltzone. Auch eine Bewusstseinszone wäre nötig. Um gemeinsam neu zu denken, alternative Finanzierungsmodelle zu diskutieren und den Knick beim Schopf zu packen. Stephanie Sack

Info: Demographischer Wandel und Wohnungsmarkt

Trotz sinkender Einwohnerzahlen wird der Bedarf an Wohnraum zunächst weiter steigen. Grund ist die starke Zunahme der Single-Haushalte. Ab 2030 wird der Wohnraumbedarf endgültig sinken. Von dem Nachfragerückgang werden das Einfamilienhaus im Grünen und Standorte im Stadtumland besonders stark betroffen sein.

Schon heute gibt es Wohnungsbestände, die nicht mehr nachgefragt werden. Ist ihr Rückbau also auch in Westdeutschland zukünftig die einzige Alternative?

Die Älteren sind die Trendsetter auf dem Wohnungsmarkt der Zukunft. Die Zahl der altengerechten Wohnungen wird entsprechend zunehmen. Zentrale Standorte mit einem guten Nahversorgungsangebot werden attraktiver. Verstärkt nachgefragt werden kleinräumige, sozial homogene Siedlungsformen, die das Wohnen unter Gleichgesinnten und den Rückzug auf Vertrautes erlauben.

Der Wunsch nach gemeinschaftlichen Wohnformen mit größerer Selbstbestimmung bei der Gestaltung der Wohnwelt setzt sich weiter durch. Neue Eigentumsformen gewinnen dadurch an Bedeutung.

Insgesamt wird die Fluktuation auf dem Wohnungsmarkt aufgrund steigender Mobilität steigen, stabile Wohnbiographien werden seltener.


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