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8. März 2008 (Sonstige Unternehmen)

Reparaturstau: Verkauft und vergessen?

Heuschrecken lassen vernachlässigte Wohnsiedlungen zurück - Im Ruhrgebiet hat sich seit langem ein großer Instandhaltungsstau aufgebaut. Erst war Neubau wichtiger als Renovierung. Dann verlor die Industrie das Interesse an den Werkswohnungen. Und schließlich erkauften sich "Heuschrecken" mit billigen Krediten das Recht, die Mieten ohne Gegenleistung abzukassieren. Gibt es Probleme und ergibt sich eine Gelegenheit, sind die Häuser-Ausschlachter schnell weiter gezogen. Zurück lassen sie vernachlässigte Wohnsiedlungen und unsichere Zukunftsaussichten.

Essen-Katernberg

Essen-Katernberg

Blickt man im fünften Geschoss des Annington-Hauses in Witten-Bommern aus dem Fenster, fühlt man sich in einen Kurort versetzt: grüne Hügel mit Fachwerkhäusern, eine großartige Aussicht über das Ruhrtal. Schielt man aber etwas nach oben oder links, kehrt Ernüchterung ein: schwarzer Schimmel macht sich in den Ecken breit und hat schon Teile der Zimmerdecke erobert.
"Das war schon drei Monate nach meinem Einzug da. Und es kommt immer wieder“, sagt Frau S., die mit ihren beiden Kindern 2002 in die 80qm Wohnung zog, die damals noch der Viterra gehörte. „Vor zwei Jahren noch wurde alles neu verputzt und gestrichen. Aber das hat die Ursache nicht beseitigt."
"Das einzige was sich durch die Annington verändert hat, ist der Verwalter. Der neue sieht besser aus", sagt Frau S. , die sich nun aber lieber eine besser aussehende Wohnung sucht. Die Miete mindert sie schon seit Jahren. Die Annington scheint es zu akzeptieren, hat die Minderung gar schriftlich bestätigt. Das ist allemal billiger als die Häuser einzudämmen, was eigentlich erforderlich wäre um den Schimmel zu besiegen.
Zwei Stockwerke tiefer ist eine junge Familie erst vor zwei Jahren eingezogen. Schon im zweiten Jahr zeigte sich der schwarze Befall im liebevoll gestrichenen Schlafzimmer. Erst an den Fenstern, dann hinter den Schränken an der Außenwand. Der Hausverwalter sagte zwar: "Das liegt nicht an Ihnen. Ich melde mich bis Weihnachten.“ Aber dann verging Weihnachten ohne Verwalter-Besuch und im neuen Jahr rückte die Familie die Schrankwand beiseite und renovierte alles gründlich. Ohne Schadensersatzforderung und Minderung. So wie viele andere Mieter auch. "Manche Familien tapezieren jedes Jahr im Frühjahr neu", weiß man beim Mieterverein Witten.

Instandsetzungsstau
Auch im Norden des Essener Stadtteils Katernberg klagen die Annington-Mieter seit langem über Schimmel. Genause wie über "marode Balkone", eine veraltete Elektrik und herunter gekommene Hausflure. Die Fassaden strömen noch echte Revier-Tristesse aus. Seit Bau der Sozialsiedlung in den 60er Jahren wurden sie noch nie gestrichen.
Als die Viterra im Jahr 2004 verkauft werden sollte, befürchteten die Mieter in Katernberg noch Umwandlung und Verdrängung. Sie gründeten eine Bürgerinitiative, das Mieternetz Nord. Nach dem Kauf durch Annington wurde dann bald klar, dass keine Einzelprivatisierungen geplant waren. Stattdessen gab es saftige Mieterhöhungen. "Wofür sollen wir noch mehr zahlen?", fragten sich da die Mieter.
Das Mieternetz verteilte Listen, auf denen die Mieter ihre Mängel genau aufführen konnten. 380 Listen kamen zurück und wurden der Annington übergeben Diese sagte zwar Investitionen zu, allerdings ohne allzu konkret zu werden.
In der Bochumer Annington-Zentrale ist man stolz auf die „kostenlose Servicenummer“ und einen schnellen Reparaturservice. Auch Wilfried Seidel vom Mieternetz Nord bestätigt: "Die Kleinreparaturen klappen eigentlich ganz gut." Woran es hapert, seien die eigentlich notwendigen größeren Investitionen. Die inzwischen begonnenen Reparaturmaßnahmen an den Balkonen seien ziemlich "breit gestreut". Seidel: "Wir erwarten, dass mehr passiert."

Warten auf den Verwalter
Essen-Katernberg, Ende Februar. Im Stadteilzentrum "KonTakt" versammeln sich Mieter aus der Straße "Meerkamp". Sie warten auf einen Vertreter der Firma "Krüger Immobilien GmbH". Unter anderem stehen dringend notwendige Renovierungen auf der Tagesordnung. Denn überall in der Siedlung, beschweren sich die Mieter, gibt es Feuchteschäden und defekte Briefkästen. Waschbecken sind abgängig und die Rohrleitungen veraltet. Balkone zerfallen sichtbar und der Vermieter kümmert sich nicht genügend um Umzüge und die Auswahl der Neuzuzüge.
Krüger Immobilien ist eine große, bundesweit tätige Hausverwaltung , die zum Imperium des australischen Finanzinvestors Babcock & Brown gehört. Und der ist seit Anfang 2007 der Eigentümer von etwa 400 ehemaligen Viterra-Wohnungen im "Meerkamp". Vorher gehörte die Siedlung für etwa ein Jahr zum bundesweit tätigen Immobilienhändler "Vivacon AG", davor für wenige Jahre zur "Ruhrboden Liegenschaften GmbH". Beide Zwischenerwerber vernachlässigten die Sanierung und waren für Absprachen kaum erreichbar.
Mit dem Wechsel zu Babcock & Brown und Krüger schien sich das zu ändern: Im Laufe des letzten Jahres wurden Balkonsanierungen in Angriff genommen, es gab mehrere Versammlungen mit Krüger-Vertretern. Aber dann hörten die Maßnahmen im Spätherbst auf. Man habe noch Beratungsbedarf mit Babcock & Brown hinsichtlich der Kosten, hieß es von Krüger.
Deshalb sitzen die Mieter heute hier. Und warten. Eine halbe Stunde vergeht, eine ganze... Nein, heute wird das nichts mehr.. Hat Krüger gekniffen? Wurden die zurück gepfiffen? Frustriert gehen die Mieter, die meisten im Rentenalter, heim. Später heißt es: Krüger hat die Einladung nicht erhalten. Die Versammlung wird am 8. April nachgeholt.

Zu Lasten der Substanz
Aber wird Babcock & Brown die Wohnungen überhaupt lange behalten? In Salzgitter hat dieser Investor nicht mal ein Jahr bis zum Weiterverkauf eines Teils seiner Wohnungen gebraucht. Und solche Verkaufsketten gehen zu Lasten der Substanz im Viertel.
Zum Beispiel in der Neuen Kolonie Landwehr/Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen. Hier führte die lange Verkaufskette von der Viterra über die MIRA an die Emscher Siedlungsgesellschaft in Eschborn und ein Jahr später zur "Promontoria Holding VIII B.V.". Das ist eine von mehreren namensähnlichen niederländische Firmen, die z. Bsp. auch in Witten über Wohnungen verfügen und hinter denen die berühmte Groß-Heuschrecke Cerberus (="Höllenhund") steckt.
Cerberus beteiligte sich z.B. am Kauf des Berliner Wohnungsunternehmens GSW. Wie der frühere Cerberus-Manager Winter gern erzählt, hatte der Finanzinvestor nie vor, wirklich unter die Wohnungsunternehmer zu gehen. Horrende Gewinne wurden durch reine Finanzakrobatik eingestrichen, Dann stiegen die Zinsen, und Cerberus verdrückte sich schnell.
Solche Anleger sind für Mieter praktisch unerreichbar. Obwohl die beauftragte Hausverwaltung Krüger - wir kennen sie schon als Babcock-Verwaltung in Katernberg - ein Regionalbüro in der Bergarbeitersiedlung unterhält, beklagen die Mieter Instandhaltungsstau und arrogantes Auftreten.
Auf einer Mieterversammlung im November 2007 wurde beschlossen, die Promontoria direkt mit Mängellisten zu konfrontieren. Ein Dutzend Mieter beteiligten sich daran und füllten einen Vordruck aus.
Bisher haben weder Eigentümerin noch Hausverwaltung Krüger reagiert, so dass beide zu einer erneuten Mieterversammlung eingeladen werden sollen.

Fliegender Wechsel
Holländische Firmen begegnen uns auch in der Dortmunder "Fischsiedlung", die so heißt weil die Straßen in der idyllisch gelegenen "Kolonie" nach Anglergut benannt wurden. Auch hier wurde seit langem nicht mehr investiert. Mängel wie defekte Fenster oder Türen häufen sich. Zeitweise kümmerte sich der Vermieter nicht ausreichend um die Abwicklung von Umzügen: Auszug-Reste lagen lange herum.
Bereits 1999 wurden die 283 ehemaligen Werkswohnungen an die Arslan-Gruppe in Herne verkauft. Immer wieder klagten die Mieter über Instandsetzungsmängel. 2006 ging die Kolonie an eine "Valbonne Real Estate IX" in Amsterdam. Die Arslan-Gruppe blieb noch Hausverwalterin.
Vollends unübersichtlich wurde die Situation, als die IMW Immobilien AG in Berlin eine Mehrheitsbeteiligung am Immobilienfonds der Valbonne erwarb. Auf einer Informationsveranstaltung des Mietervereins im Juni 2007 machten die Mieter ihrem Unmut Luft. Sie erstellten mit Unterstützung des eines Forschungsprojekts eine Mängelliste und schickten diese an die IMW.
Die Arslan-Gruppe, von der IMW zur Stellungnahme aufgefordert, erstattete Strafanzeige gegen den Mietervereins-Sprecher Helmut Lierhaus wegen Verunglimpfung. Das Verfahren wurde eingestellt und die IMW beauftragte ein eigenes Unternehmen mit der Verwaltung. Dieses soll jetzt zu einer weiteren Versammlung eingeladen werden.
"Hier müsste wirklich mal was getan werde,. Es muss ja nicht alles auf einmal sein", sagt ein Mieter an einem schönen Wintertag. "Wir würden hier nämlich gerne wohnen bleiben."


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