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17. März 2009 (Aus den Städten, Sonstige Unternehmen)

Wohnungsverkäufe in Bochum: Licht und Schatten

Seit die große Wohnungsnot der 90er Jahre Vergangenheit ist, hat sich das Geschehen auf dem Wohnungsmarkt deutlich verlagert. Heute beherrschen Begriffe wie "Privatisierung" und "Heuschrecken" die Debatte. 1,5 Mio. ehemals öffentlicher oder werksverbundener Wohnungen sind seit der Jahrtausendwende an Finanzinvestoren verkauft worden – Firmen, die es noch vor zehn Jahren gar nicht gab. Doch anders als in vielen Nachbarstädten sind die großen Verkäufe an Bochum scheinbar vorbei gegangen
- Eisenbahnerwohnungen, Gagfah, LEG hatten in Bochum kaum Bestände. Dennoch haben auch in Bochum im laufenden Jahrzehnt zahlreiche Siedlungen den Besitzer gewechselt oder sind in Einzeleigentum "zerlegt" worden. Das ist nicht ohne Spuren geblieben. Diese aufzuzeigen war Aufgabe einer wissenschaftlichen Studie, die im Auftrag des Mietervereins erstellt und mit Mitteln der Lokalen Agenda 21 gefördert wurde.

"Hätte ich nicht diesen Kellner Job um die Ecke und dann noch fünf Minuten entfernt den Krippenplatz von Pablo, meinem zweijährigen Sohn, wäre ich aus diesem Viertel lieber heute als morgen raus", seufzt der allein erziehende Dieter Schlonski.

Herr Schlonski lüftet an diesem Morgen nur ganz kurz. Draußen ist es kalt und bis die seit ihrem Bau 1972 nie modernisierte Wohnung warm ist, dauert es wieder Stunden. Lüften sollte er, hatten seine Vormieter ihn doch vor dem Schimmelpilzproblem im Wohnzimmer gewarnt.

In der Wohnung ist das gelöst, im Keller allerdings nicht, weswegen er diesen auch nicht mehr zum Trocknen nutzt. Platz wäre neben dem dort angehäuften Müll überdies nicht. Den Vermieter, der das Haus vor fünf Jahren erworben hatte, interessiert dieser Zustand nicht.

An diesem Morgen reicht es Herrn Schlonski aber. Erneut ist das Warmwasser ausgefallen. Dass er wegen diesem notorischen Problem, Spülwasser mit einem Wasserkocher warm machen muss, ist er gewohnt. Aber heute morgen wollte er seinen zweijährigen Sohn baden. Die Hoffnung auf eine schnelle Reparatur oder gar eine grundsätzliche Lösung dieses Problems hat er längst aufgegeben. Der einzige Kontakt zum Vermieter geht über die monatliche Mietüberweisung. Ansonsten ist ein Verwaltungsunternehmen der Ansprechpartner.

Dieses ist zwar immerhin 14 Stunden am Tag erreichbar, aber nur über ein zentrales Call-Center. Dieses darf keine größeren Reparaturen in Auftrag geben.
Lediglich in Notfällen schickt es innerhalb von zwei Tagen die mobile Hausmeisterfirma für das östliche Ruhrgebiet raus.

Mit diesem – fiktiven, aber durchsaus typischen – Beispiel beginnt die Studie über Privatisierungsfolgen in Bochum, die der Dortmunder Wohnungswissenschaftler Dr. Sebastian Müller im Auftrag des Mietervereins erstellt hat. In vielen Fällen ist das Leben für die Mieter nicht einfacher geworden nach dem Verkauf, und nicht immer war der erste Verkauf auch der letzte. Doch es gibt auch andere Beispiele.
Die Studie unterscheidet zwischen zwei Siedlungstypen, die seit der Jahrtausendwende von Verkäufen betroffen waren:
• komplett verkaufte, vernachlässigte Siedlungen der 70er Jahre;
• mieterprivatisierte Zechen- und Stahlarbeitersiedlungen.

Acht unter der Lupe
Insgesamt wurden acht Siedlungen näher untersucht. Die drei Quartiere des ersten Typs liegen im Bochumer Süden, in Querenburg bzw. Steinkuhl:

=> Das Uni-Center gegenüber der Ruhr-Universität war jahrelang in Privatbesitz, stand dann wegen Insolvenz der Besitzerin unter Zwangsverwaltung und wurde im Herbst 2006 an die Dakota- Investments in Luxemburg verkauft.
Seither gibt es mehr Ärger als je zuvor, was auch schon Thema in dieser Zeitschrift war. Für die Verwaltung ist die Comer-Immobilien in Berlin zuständig.
Seither gibt es nicht nur Stress mit Nebenkosten, es wird auch nichts mehr an den Häusern getan, sagen die Mieter.

=> Am Gropiusweg, Camillo-Sitte- Weg und Peter-Parler-Weg auf der anderen Seite des Laerholzes liegt die größte der untersuchten Siedlungen. Von der THS gebaut, wechselte der Besitz mehrmals, über GVG und die halbstädtische VBW in den heutigen Streubesitz. Die bis zu 15 Stockwerke hohen Gebäude wirken heute vernachlässigt, Aufzüge funktionieren sporadisch, Verkleidungsplatten fallen ab, das Umfeld verwuchert.

=> Auch das Terassenhaus an der Girondelle 84 – 90 hat schon bessere Zeiten gesehen. Schon von außen macht es einen vernachlässigten Eindruck. In den Treppenhäusern ist das Bild nicht besser. Sie sind verschmutzt und seit Jahren nicht gestrichen worden.
Die 211 Wohnungen sind meist in einem besseren Zustand, sie sind gut aufgeteilt und haben große Balkone.

Zum Teil sind sie jedoch von Schimmel befallen oder haben undichte Fenster.
Auch hier hat es seit 2000 mehrere Besitzerwechsel gegeben: Von VBW an Jansen und Helbing, nach dem Konkurs Zwangsverwaltung, und seit Februar 2009 ganz aktuell ein neuer Besitzer aus Berlin, eine Gmbh Co. KG.

Anders – wenn auch nicht unbedingt besser im Sinne der Mieter – gingen die Uhren in den Siedlungen des zweiten Typs, von denen hier aus Platzgründen nicht alle ausführlich dargestellt werden können:

=> Die Siedlung an der Karl-Wagener- Straße und An der Steinhalde in Oberdahlhausen ist eine ehemalige Zechensiedlung, die in den 50er- Jahren erbaut wurde. Zur Siedlung gehören 22 Mehrfamilienhäuser, die Bellaform, eine Tochterfirma von Häusser-Bau, im Januar 2004 von Viterra gekauft hat. Wenige Tage später standen die Häuser dann schon wieder zum Verkauf – diesmal einzeln.

Inzwischen ist die Mehrzahl der Gebäude weiter verkauft worden. Vielen Mietern wurde aufgrund von Eigenbedarf gekündigt, andere sind freiwillig ausgezogen, da sie Angst hatten, auf die Straße gesetzt zu werden. In vielen Häusern häuften sich nach der Privatisierung die Probleme. Streitereien zwischen Mietern und Vermietern wurden häufiger, Nebenkosten wurden falsch oder gar nicht abgerechnet.
Der Altersdurchschnitt wurde, wie in anderen Siedlungen auch, durch die Privatisierung deutlich gesenkt. Viele junge Familien kauften die Häuser und die älteren Mieter zogen weg.

=> Ähnlich zu ging es im "Mittelgebirgsviertel" in Hiltrop-Bergen, das 2002 von Viterra ebenfalls an Häusser-Bau verkauft wurde, und in der Krachtstraße / Im Streb, die 1995 von der Stadt Bochum an die VBW, 10 Jahre später Häusser-Bau ging. In beiden Fällen verkaufte Häusser-Bau kurzfristig weiter – einzeln, aber nicht wohnungs- sondern hausweise, wie auch in Dahlhausen. Nachteil für die Mieter: Wo nicht umgewandelt wird, gibt es auch keine Sperrfrist für Eigenbedarfskündigungen.
Auch hier wurden viele alteingesessene Mieter verdrängt, die Grundstücke wurden aufgeteilt und abgezäunt, der ehemals freizüge Charakter der Siedlungen, wo jeder überall hingehen konnte, ist Vergangenheit.

Aber die Käufer investierten auch, viele Häuser sind saniert und stehen heute besser da als vor der Privatisierung.

=> Ein Beispiel, wie das Engagement der Bewohner die Dinge zum Guten wenden kann, liefert die Kolonie Hannover in Günnigfeld. In den 24 alten Zechenhäuser aus dem 19. Jahrhundert, aufgeteilt in 96 Viertel-Häuser mit eigenen, großen Grundstücken, warteten die Mieter schon vor 25 Jahren auf die Privatisierung durch Thyssen- Krupp. Dass 2006 Häusser-Bau als Zwischenerwerber auftrat, hat den Kauf nicht billiger gemacht – dennoch griffen die meisten zu, obwohl im Schnitt rund 50.000 € zusätzlich an Sanierungskosten aufzubringen waren. Da Häusser-Bau mit sechs verschiedenen Kaufverträgen arbeitete, gründeten die Bewohner eine Siedlergemeinschaft, um nicht über den Tisch gezogen zu werden. Die Gemeinschaft kümmert sich jetzt auch um Baumschnitte und die Instandhaltung der Straßen, die nicht der Stadt gehören, sondern privat sind. Der Zusammenhalt der Siedler ist dadurch gewachsen, alle sechs Wochen gibt es Versammlungen. Und die Sanierung der Häuser schreitet voran.

Wohnungsverkäufe in Bochum: Licht und Schatten
Interessenten können die 48 Seiten starke Studie über unsere Geschäftsstelle beziehen oder als PDF von unserer Internet-Seite www.mieterverein-bochum.de herunterladen.

Außer den hier dargestellten Siedlungsprorträts enthält die Studie einen Problemaufriss, eine Geschichte der Privatisierungen im Ruhrgebiet sowie als Fazit eine differenzierte Betrachtung der Privatisierungsfolgen mit Handlungsempfehlungen.


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