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20. Mai 2009 (Ohne Kategorie)

Ackermanns Heuschrecken

In den USA hinterlässt die Deutsche Bank obdachlose Mieter und verwüstete Stadtteile - Boston, 25. September 2008. "Organisiert euch gegen Zwangsräumungen", "Deutsche Bank, wir sind bereit zu verhandeln", steht auf Schildern, die Demonstranten der Organisation "City Life" hoch halten. Sie versuchen, die Behörde davon abzuhalten, die Familie Esquivel aus ihrem Haus im Arbeiterviertel Roslindale zu räumen. So wie sie es schon zehn mal in diesem Jahr gemacht haben. Meistens ist das gut gegangen. Aber heute geht es schief.

Protest gegen Deutsche Bank in Boston

Protest gegen Deutsche Bank in Boston

Sechs Polizisten machen dem Räumungs-Beamten den Weg frei. Vier Demonstranten werden festgenommen. Die Esquivels – eine Schul-Bedienstete, ein Bauarbeiter und ihre zwei Töchter im Grundschulalter – räumen ihre Sachen zusammen.

Vor zwei Jahren erst hat sich die Familie Esquivel einen alten Traum erfüllen wollen und sich in den für Boston typischen "Dreidecker" an einer lauten Bahnlinie eingekauft, - für fast eine halbe Million Dollar. So überhöht waren noch 2006 die Preise.
Die Familie kam bald wegen der horrenden Zinsen in Zahlungsschwierigkeiten. Zuletzt sollten sie 4200 Dollar im Monat bezahlen. Es kam zur Zwangsversteigerung.
Mit Unterstützung von "City Life" versuchten die Esquivels mit der Deutschen Bank und dem ebenfalls zuständigen Hypotheken-Dienstleister Wells Fargo zu verhandeln. Eine Schwester bot an, das Haus zum realen Wert zu kaufen. Die Esquivels schlugen vor, Miete zu zahlen. Alles vergeblich. Auch der Versuch, die Zwangsräumung in letzter Minute vor Gericht zu stoppen.

Während die Möbel auf die Lastwagen gepackt werden, stimmt die nun obdachlose Ana Esquivel mit Tränen in den Augen in den Chor der Demonstranten ein: „We are a family...“

Banken-Mieter
Als 2007 die Immobilienblase platzte und die Hauspreise ins Bodenlose fielen, konnten Tausende von Hauseigentümern in Boston ihre überteuerten Hypotheken nicht mehr bedienen. Die Häuser fielen an anonyme Verbriefungsgesellschaften, die von Banken wie der "Deutschen" vertreten werden. Nach der Zwangsversteigerung folgt fast immer die Räumungsaufforderung.

Um die Rechte der Menschen in den Arbeitervierteln Bostons zu verteidigen, hat die Basisorganisation "City Life" (Stadtleben) die betroffenen Eigentümer und Mieter zu einer Kampagne mit Namen "Vereinigung der Banken-Mieter" zusammengebracht. Anwälte kümmern sich um jeden Einzelfall. Die Kampagne fordert neue Gesetze. Zugleich aber organisiert "City Life" auch Proteste und versucht, die Zwangsräumungen durch Blockaden zu verhindern.

"Wenn die Leute mit uns Kontakt aufnehmen, dann gelingt es uns meistens die Zwangsräumung zu stoppen und gute Vereinbarungen mit den Banken auszuhandeln", sagt City Life-Organisator Steve Meacham. "Die Deutsche Bank aber gehört zu den schlimmsten Zwangsverwaltern hier."

Viele Mieter betroffen
Es sind keineswegs nur Eigentümer, die von den Banken vor die Tür gesetzt werden. In Kalifornien schätzt die Mieterorganisation "Tenants Together" den Anteil der Mieter "sehr vorsichtig" auf "mindestens 30 Prozent". Gerät der Vermieter unter Zwangsverwaltung, wird den Mietern oft die Energieversorgung unterbrochen. Sie müssen nach kurzer Frist die Wohnungen räumen und verlieren oft auch noch ihre Kautionen. "Wegen der Lücken im Mieterschutz und der laxen Anwendung der bestehenden Gesetze erleben die Mieter Albträume", sagt Dean Preston von "Tenants Together". "Die Banken werfen die Mieter raus, damit die Immobilien leer stehen. Es ist unglaublich."

In Dorchester, Massachusetts, traf es Rafael Matos, (47, Bild:City Life), der fünf Jahre immer pünktlich seine Miete zahlte und trotzdem eine Räumungsaufforderung erhielt. "Wir sind Mitglieder des Deutsche Bank Mietervereins", steht auf dem Poster an seiner Haustür. "Unser Ziel ist der Schutz unserer Wohnungen gegen willkürliche Zwangsräu-mungen und Mieterhöhungen." Bevor die Miete erhöht werden kann, muss die Bank aber erst einmal bereit sein, überhaupt eine Miete zu akzeptieren. Und das ist die große Ausnahme.

"Die Banken verweigern die Annahme unserer Mieten", sagt Rachel English, eine Mieteraktivistin aus Chelsea bei Boston. "Würden die Banken die Mieten annehmen, würden sie akzeptieren, dass sie eine Verantwortung als Vermieter besitzen. Und genau das wollen die nicht." "Mir ist kein einziger Fall bekannt, dass die Deutsche Bank Mietzahlungen akzeptiert hat", bestätigt Steve Meacham.

Die Deutsche Bank hält derartigen Vorwürfen immer wieder entgegen, dass sie nur rein "technisch" als Eigentümer eingetragen sei. Für Verkauf, Vermietung und Räumung sei sie nicht verantwortlich.

Verbriefungs-Dschungel
In der Tat ist der "Zwangsverwalter-König" Deutsche Bank nicht deshalb in so schlechten Ruf gekommen, weil er Arbeitslosen und Niedrigverdienern überteuerte Kredite aufschwatzte. Das haben andere besorgt.

Im Auftrag diverser Kreditinstitute waren während der Immobilienblase Kreditvermittler in den Armenvierteln unterwegs, um dort Menschen, die fast kein Eigenkapital hatten, Hypotheken zu unglaublich miesen Konditionen anzudrehen. Oft wurden sogar die Angaben in den Papieren gefälscht.
Die auftraggebenden Kreditinstitute störte das nicht. Denn sie verwandelten die unsicheren Hypotheken schleunigst in sogenannte Verbriefungen. Das sind Wertpapiere, in denen die schlecht abgesicherten Kredite mit besseren gemischt wurden, um die Papiere dann auf dem globalen Markt zu handeln. Die für diese undurchsichtigen Anlagen gegründeten Zweckgesellschaften sind nun die eigentlichen Eigentümer der Hypotheken. Ihre Interessen werden von Treuhändern wie der Deutschen Bank - eine der ganz Großen in diesem Geschäft - besorgt. Ihre Anwälte treten vor Gericht auf. Sie ersteigern Häuser.
Die ausführenden Organe bei der Zwangsverwaltung sind aber wieder andere Firmen, sogenannte Hypotheken-Dienstleister, die ebenfalls im "Auftrag" der Verbriefungen agieren.

"Unseren Marktanteil bei der treu-händerischen Verwaltung von US-amerikanischen Wertpapieren, die durch Forderungen unterlegt sind haben wir behauptet", heißt es stolz im Geschäftsbericht der Deutschen Bank 2006.
Der Chef der zuständigen Bank-Abteilung, David Co, schätzte bei einer Versammlung in New Haven im Mai 2009 die Zahl der verwalteten Immobilien-Verbriefungen auf etwa 2000. Das seien wahrscheinlich Millionen Wohnungen, konnte er nur grob raten.

"Gute Beziehungen
"City Life" wollte sich von Anfang an nicht mit der dubiosen Rolle der Deutschen Bank abfinden. Es kam zu Protesten, - und zu Gesprächen.

In einem Schreiben vom 30. August 2007 bat dann die Deutsche Bank ihre Hypotheken-Dienstleister in Boston, mit den lokalen Behörden und geeigneten Organisationen "gute Beziehungen zu pflegen". Wenn die Zwangsräumungen die Vermarktungsmöglich-keiten nicht verbesserten, sollten die Dienstleister prüfen, ob es im Interesse der Anleger nicht vorzuziehen sei, die zwangsverwalteten Wohnungen vermietet zu halten.

Als dieses Schreiben auch nach einem Jahr noch keinerlei Wirkungen zeigte, entschloss sich ein breites Bündnis Bostoner Basisgruppen ein von der Deutschen Bank ausgerichtetes Golf-Turnier Ende August 2008 zu weiteren Protesten zu nutzen.

Man sei enttäuscht, dass die Aktivisten ausgerechnet die Deutsche Bank für die Proteste herauspickten, heißt es in einer pikierten Reaktion der Bank. Der Name der Deutsche Bank erscheine nur deshalb auf den Räumungstiteln, weil die Immobilien der Verbriefungsgesellschaften in diesem Namen registriert seien. Damit habe die Deutsche Bank aber keineswegs Einfluss auf die Durchführung der Zwangsverwaltung oder die Instandhaltung der betroffenen Häuser.

Kaputte Städte
Auch Judith Walter erhielt eine Räumungsaufforderung, die die Lokalpresse der Deutschen Bank zuordnete. Seit 20 Jahren lebte sie im Bostoner Arbeiterviertel Mattapan. Seit der Finanzkrise hat sich das Viertel rapide verändert. Drogenhändler hängen in den leergeräumten Häusern herum. Die Kriminalität hat zugenommen.
"Ich mache mir Sorgen um die Kinder. Selbst auf dem kurzen Weg zur Bushaltestelle", sagt Walter. "Je länger die Häuser leer stehen, desto mehr Probleme gibt es."

In Cleveland, einer Industriestadt mit hoher Arbeitslosenrate, wurde die Deutsche Bank in der Krise schnell einer der größten nominellen Grundeigentümer. Heute stehen ganze Straßenzüge leer. Aus den Häusern werden Leitungen herausgebrochen. Die Stadt hat einen gigantischen Verlust an Grundsteuern.

Niemand versteht, warum die Kreditgeber die Häuser räumen anstatt sie an die bisherigen Bewohner zu vermieten oder günstig zu verkaufen. "Leere Häuser verringern den Immobilienwert in der Nachbarschaft und Mietwohnungen haben einen höheren Verkaufswert wenn sie vermietet sind. Außerdem helfen Mieter, die Häuser in Schuss zu halten", sagt Rachel English aus Chelsea. "Aber die Banken sehen die Häuser nur als Finanzanlagen und die Mieter nur als Belastung. Wir brauchen Gesetze, die sie dazu bringen, uns als Mieter zu akzeptieren."

Take back Bank Land
Längst haben die öffentlichen Banken Fannie Mae and Freddie Mac Räumungs-Moratorien erlassen. Sie bieten großzügigere Fristen und Mietverträge. Die Geduld mit den "Treuhänder"-Banken erschöpft sich mehr und mehr. Städte wie Cleveland oder Cincinatti gehen dazu über, die Instandhaltung rechtlich durchzusetzen und Häuser der Deutschen Bank zu verpfänden. Gruppen wie "Take Back the Land" besetzen leerstehende Häuser mit Obdachlosen, - unter großer Beachtung in den Medien.

In Massachusetts hat sich City Life mit vielen anderen Gruppen zusammengeschlossen, um im ganzen Bundesstaat die Bewohner zu organisieren. Das Bündnis will umfassende gesetzliche Regelungen erreichen, die Zwangsräumungen nur im Ausnahmezufall zulassen.

"Europäische Banker lieben das amerikanische Vermietungssystem", meint Alison Brennan, eine Mieterberaterin aus Sacramento. "Hier können sie auf eine Weise vorgehen, die in Europa undenkbar wäre. Europäische Banken behandeln die US-amerikanischen Mieter auf die gleiche Art, wie US-Firmen Landarbeiter in Zentralamerika behandeln."


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