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22. September 2011 (Sonstige Unternehmen)

Entmietung im Roncalli-Haus

Bauschutt, nackter Beton und leere Fenster. Das ehemalige Studentenwohnheim Roncalli-Haus an der Von-der-Recke-Straße ist eine Großbaustelle. 15 gehobene Eigentumswohnungen sollen dort entstehen. Freigezogen ist der Rohbau allerdings noch nicht. Eine Handvoll Studierende kämpft gegen die Entmietung.

Nur noch wenige der knapp 100 Klingelknöpfe tragen einen Namen. Das siebengeschossige Gebäude ist komplett eingerüstet, die meisten Etagen inzwischen bis auf den nackten Beton entkernt. In der ersten Etage herrscht noch ein wenig studentisches Leben. Dort wohnt der 35-jährige BWL-Student Tim Schüttemeier. Der Weg zu seinem 10 m² großen Zimmer führt vorbei an leer stehenden, türlosen Zimmern, vorbei an demontierten Waschbecken, vorbei an Stromkabeln, die sichtbar von der Betondecke hängen, seitdem Dämmmaterial und Verkleidungen entfernt wurden.

Ausrangiert
"Früher hat das Wohnen hier wirklich Spaß gemacht", sagt Tim Schüttemeier beim Gang durch die erste Etage. Ein wenig verloren bleibt er in der letzten verbliebenen Gemeinschaftsküche stehen. Ein paar ausrangierte Computermonitore stapeln sich in der Ecke. Die Schränke, in denen Studierenden noch vor ein paar Monaten Geschirr und Lebensmittel aufbewahrten: leergeräumt und staubig. "Es war wie in einer großen WG. Wir haben viel gemeinsam gemacht und uns auch gemeinsam um das Haus gekümmert, Putzpläne aufgestellt, ein Computernetzwerk eingerichtet. Jetzt sind wir noch zu viert. Zwei Bewohner auf dieser Etage, zwei auf der darüber."

"Die ganze Sache begann Ende letzten Jahres", sagt er. "Zwischen Weihnachten und Neujahr bekamen alle Mieterinnen und Mieter des Wohnheims völlig unerwartet die Kündigung zum 31.03.2011. Um der Kündigung Nachdruck zu verleihen, drohte die BauArt GmbH als Eigentümerin mit Schadenersatzforderungen, falls man nicht bis Ende März ausziehen würde." Nach Einschätzung von Steffen Klaas, Rechtsberater des Mietervereins, waren diese Kündigungen rechtswidrig: "Die Umwandlung in Luxuseigentumswohnungen ist kein Kündigungsgrund."

Schüttemeier wandte sich mit zahlreichen weiteren Studierenden an den Mieterverein und legte Widerspruch gegen die unbegründete Kündigung ein. "Es ist für Studierende schwer vergleichbar günstigen Wohnraum in so kurzer Zeit zu bekommen. Die Wartelisten beim Studentenwerk sind voll. Vier bis sechs Monate wartet man mindestens auf einen Wohnheimplatz. Und wenn man mitten in den Prüfungsvorbereitungen steckt, ist eine Wohnungssuche zeitlich nicht drin." So Schüttemeier.

Nadelstichtaktik
Die Androhung von Schadenersatzforderungen im Bereich von 100.000 Euro und mehr durch die BauArt GmbH als Eigentümerin des Roncalli-Hauses zeigten Wirkung bei den größtenteils ausländischen Studierenden. Mangelnde Sprachkenntnisse, Obrigkeitsangst und eine gewisse Gleichgültigkeit führten dazu, dass die Taktik der BauArt aufging. Viele Studierende zogen zum 31.03. aus. Für die verbleibenden Bewohner begann eine anstrengende Zeit. "Die BauArt hat gar nicht damit gerechnet, dass sich die Mieter auch wehren könnten", sagt Schüttemeier und berichtet von einer Nadelstichtaktik. "Das begann im Februar, dass Gemeinschaftsräume, wie etwa Waschkeller und Bibliothek, geschlossen wurden, weil es angeblich Mietrückstände gab und Heizkosten gespart werden sollten. Mal wurden die Armaturen in den Duschen abgebaut, dann der Fahrstuhl stillgelegt oder gleich ganz der Strom abgestellt. Per einstweiliger Verfügung musste ich dafür kämpfen, dass ich überhaupt Strom habe. Für ein Zimmer, das ich regulär angemietet habe und für das ich regulär Miete zahle. Das muss man sich mal vorstellen."
Die Geschäftsführer, Marlene Nienhaus und Andreas Richter, zeichneten gegenüber den Medien das dramatische Bild eines Abrisshauses. Von Schimmelbefall war die Rede, von Ungeziefer, undichten Fenstern und Wasserrohrbrüchen. Schüttemeier relativiert diese Aussagen: "Ich kann weder bestätigen, dass das Haus durchweg von Schimmel befallen ist, noch, dass es ein akutes Ungezieferproblem gibt. Aufgrund eines Wasserschadens gab es in der Vergangenheit einmal einen Schimmelbefall, der aber erfolgreich bekämpft wurde."

Perspektiven
Einmal zog Schüttemeier wegen des Umbaus bereits innerhalb des Hauses um. Von der sechsten Etage in die erste. Provisorisch hat er das neue Zimmer eingerichtet, vieles steht in Kartons. Dass er irgendwann ausziehen muss, weiß er. Aber so leicht will er sich nicht geschlagen geben. "Die Art und Weise, wie die Entmietung ablief war alles andere als okay. Wieso ist die BauArt GmbH nicht direkt von Anfang an auf die Studierenden zugegangen? Längere Kündigungsfristen, eine finanzielle Umzugshilfe oder Unterstützung bei der Suche nach neuem, günstigen Wohnraum. Das hätte ich mir gewünscht. Statt dessen wurde uns signalisiert, dass wir keinerlei Rechte hätten."

Dass die Auflösung des Roncalli-Hauses als Wohnheim die Wohnsituation der Studierenden in Dortmund weiter verschärft, steht außer Frage. Zurzeit stehen den gut 33.000 Studierenden an TU und FH ganze 2.745 vom Studentenwerk Dortmund bereitgestellte Wohnheimplätze zur Verfügung. Durch Wegfall der Wehrpflicht und den Doppeljahrgang 2013 wird die Zahl der Studierenden weiter steigen. Keine guten Bedingungen, um das neue, das moderne, das strukturgewandelte Dortmund als Bildungsstandort und Studentenstadt zu etablieren.

Während der Mieterverein gemeinsam mit dem AStA der TU Dortmund an die Presse ging, blieben Unterstützung und Hilfe von anderen Institutionen aus. Im Gegenteil: Die Bezirksvertretung Innenstadt-West stimmte der Umnutzung des Wohnheims auf Basis einer städtischen Verwaltungsvorlage einstimmig zu. Die Bewohner des Roncalli-Hauses und die steigenden Studierendenzahlen kommen darin jedoch nicht vor. In der Vorlage wird auch die Zustimmung – des von öffentlichen Mitteln und von Studieredendengeldern finanzierten – Studentenwerkes Dortmund genannt. Studierende haben halt keine Lobby in Dortmund.

Entwicklungen
Kurz vor Redaktionsschluss ging die BauArt GmbH auf ein Vergleichsangebot der letzten verbleibenden Mieter im Roncalli-Haus ein. Es bleiben: ein leeres Wohnheim und rund 100 Studentenzimmer weniger in Dortmund. Dafür kommen: 15 exklusive Wohneinheiten zwischen 87m² und 209m². Und eine noch längere Wartezeit auf einen Wohnheimplatz für Dortmunder Studierende.


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