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1. Dezember 2011 (Ohne Kategorie)

Thier-Galerie: Schöne Scheinwelt

Seit einigen Wochen ist ein weiteres Leuchtturmprojekt Dortmunds in der Wirklichkeit angekommen. Am 15.09. eröffnete die Thier-Galerie. 33.000 m² Verkaufsfläche, 160 Geschäfte und Kosten von rund 300 Mio. Euro. Als Mini-, Teil- und Vollzeitbeschäftigte arbeiten dort rund 1.000 Menschen. Die abgeschirmte Shoppingwelt ist ein Besuchermagnet. Ein kritischer Blick ist trotzdem angebracht …

Der Partystandort
Die Pläne, das Gelände der ehemaligen Thier Brauerei mit einem "interessanten Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeitsplätzen und Geschäften" zu beleben, gehen bis in die 1990er Jahre zurück. Schon damals wurde im Zuge des "UFO-Projekts" am Hauptbahnhof in sogenannten City-Konzepten angedacht, wie die Bereiche jenseits des Osten- und Westenhellwegs an die stark frequentierte Ost-West-Achse angeschlossen werde könnten. Aber erst einmal kam alles anders: Während die überdimensionierten Pläne für den Bahnhof im Sande verliefen, etablierte sich auf der Thier Brache eine einzigartige Szene aus Clubs, Bars und Discotheken. Sie sorgte für eine Belebung der Innenstadt außerhalb der Geschäftsöffnungszeiten, zog durchaus zahlungskräftige Tanzwütige aus der gesamten Region an und machte Dortmund für einige Jahre zur Partystadt Nummer 1 im Ruhrgebiet.

Der Betreiber
2006 wurde das Gelände schließlich an die Hamburger ECE verkauft. Das im Besitz der Familie Otto befindliche Unternehmen ist laut Eigenaussage europäischer Marktführer im Bereich innerstädtischer Shopping-Center. ECE betreibt weltweit 137 Einkaufstempel. In Deutschland unter anderem in Hannover, Berlin und Essen. Bereits 1996 versuchte das Unternehmen ein 40.000m² großes Einkaufszentrum auf dem Gelände der ehemaligen Union Brauerei zu installieren. Da scheiterten die Pläne noch am Widerstand der Stadt. Zehn Jahre später gab es weniger Bedenken. Die Argumentation von ECE war zu verlockend.

Die Argumente
Einkaufszentren in der Innenstadt werden von Seiten der Betreiber gerne als Jobmotor und Kaufkraftmagnet dargestellt. Auf der ECE-Homepage ist von "lebendigen Marktplätzen" die Rede, die "Schwung in den City-Einzelhandel" bringen und die dazu beitragen "verloren gegangene Kaufkraft zurückzugewinnen". Punktuell ist dies richtig. Ein Einkaufszentrum zieht Kaufkraft an den Standort. Vielfach aber nur an den Standort des Shopping-Centers. Jenseits der Glasfassaden haben diese relativ geschlossenen Systeme auch negative Auswirkungen auf eine Innenstadt. Das zeigt sich am Beispiel des Einkaufszentrums Limbecker Platz in Essen. Stefan Laurin, Journalist und Macher des Weblogs www.ruhrbarone.de, hat zahlreiche Artikel und Kommentare veröffentlicht, die sich kritisch, aber keinesfalls einseitig mit der Entwicklung in den Stadtzentren befassen. Im April 2011 beschreibt er die Situation der Essener Innenstadt und kommt zum Ergebnis: "Essen-Mitte ist auf dem Weg zur Kik-Stadt". Dem Center selbst geht es gut, der Rest der City verödet. Für Dortmund sieht Laurin eine ähnliche Entwicklung: "Auch wenn Dortmund ein guter Einzelhandelsstandort ist, werden die Auswirkungen der Thier-Galerie auf den Westen- und Ostenhellweg mittelfristig deutlich werden. Sehr starke Standorte wie München oder Hamburg können von solchen Einkaufstempeln profitieren. Alle anderen nicht." Dass die Dortmunder Innenstadt ausbluten wird, ist nicht zu befürchten, dafür ist der Westenhellweg zu stark frequentiert und die Anbindung der Thier-Galerie zu gut. Aber eine Steigerung der Attraktivität durch Ansiedlung neuer Händler mit einem qualitativ hochwertigen Angebot scheint den bisherigen Erfahrungen in anderen Städten nach unwahrscheinlich.

Die "Lebendige Stadt"
Dass Projekte wie die Thier-Galerie in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen werden, liegt nicht zuletzt an der erstaunlich guten Lobbyarbeit von ECE und der ECE-nahen Stiftung "Lebendige Stadt". Vor wenigen Wochen richtete die Stiftung den Städtekongress im Dortmunder U aus. Besetzt mit zahlreichen hochkarätigen Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wurde zwei Tage lang über die Herausforderungen der "neuen Stadt" diskutiert. Eine gute Werbung für Dortmund als moderne Großstadt. Wie greifbar am Ende die Ergebnisse des Kongresses waren, steht auf einem anderen Blatt.

Auch über andere Wege bindet ECE Bürger und Banken in ihre Projekte ein. So wurde 2009 ein geschlossener Immobilienfonds eingerichtet, über den sich private Anleger finanziell an der Thier-Galerie beteiligen konnten. Mindestanlagesumme: 10.000 Euro. Zur Infoveranstaltung im Opernhaus stellte ECE-Chef Alexander Otto das Projekt persönlich vor. Der Vertrieb der Fondsanteile lief exklusiv über die Sparkasse Dortmund. Bei einer vermeintlich sicheren Anlage und realistischen 4 – 6% Rendite gewann man schnell Anleger aus der Region, die durch ihre finanzielle Beteiligung dem Projekt positiv gegenüberstehen und darüber hinaus noch als Multiplikatoren vor Ort funktionieren.

Insgesamt stellte die Sparkasse Dortmund – gemeinsam mit der Sparkasse Bochum und der Immobilienbank der Volksbanken/DG HYP – rund 180 Mio. Euro zur Verfügung.

Das echte Leben
Einige Wochen vor Eröffnung trafen sich Vertreter von ECE, der Stadt und dem City Handel zu einem Workshop, bei dem ECE-Bereichsleiter Axel Diewald die Schwachstellen der Innenstadt aufzeigte. Eine Liste mit Forderungen wurde vorgestellt, die zeigt, aus welcher Richtung der Wind weht: ungepflegte Grünflächen, Graffiti an Hauswänden und das Betteln in der City sind ECE ein Dorn im Auge.

Für Bastian Pütter, Chefredakteur des Straßenmagazins bodo, eine Grenzüberschreitung: "Diese Forderungen stehen am Ende einer sehr bedenklichen Entwicklung. Der öffentliche Raum schrumpft zunehmends. Statt dessen entstehen scheinöffentliche Räume. Es mag den Besuchern der Thier-Galerie nicht so bewusst sein, aber sie bewegen sich dort auf Privatgelände. Mit einer Hausordnung und einem Sicherheitsdienst, der unerwünschte Besucher, wie etwa die Verkäufer unseres Magazins, dort nicht duldet. Und jetzt greifen private Unternehmen sogar in die Gestaltung einer gewachsenen Innenstadt ein."

Die gefilterte Einkaufswelt der Thier-Galerie, ohne Bettler, skatende Jugendliche, Demonstrationen, Veranstaltungsplakate und Straßenmusiker wird über das Weihnachtsgeschäft hinaus die kaufkräftigen Kunden aus Dortmund und der Region anziehen. Die echte Stadt wird sich darauf einstellen müssen.


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