Wohnungspolitik > Aus den Städten
28. März 2012 (Aus den Städten)

Luxuswohnen erwünscht: Niemand ist zu reich, um in Essen zu wohnen

Wohnen am See oder Ausblick auf eine Hügellandschaft: So setzt man in Essen an, um Luxuswohnen Vorschub zu leisten. Ob am Kruppgürtel, im nahegelegenen "hippen" Univiertel oder ein paar Meter entfernt am Niederfeldsee - hier sind wohlhabende Mieter für den "gehobenen Wohnraum" gern gesehen. Ganze Stadtteile, wie Altendorf werden dafür runderneuert. Langfristig führt dies wahrscheinlich zur Veränderung der Wohnstruktur.

Stadt gibt sich handlungsunfähig
"Da entstehen reine Luxuswohnungen. Für die meisten Essener ist das doch wirklich wurscht und echt unpassend, wenn sie die dortigen Quadratmeterpreis von über acht Euro hören", fasst Siw Mammitzsch vom Vorstand der Mietergemeinschaft Essen zusammen. Aus ihrer Sicht ist es ein Riesenproblem, wenn die aktuellen Bewohner Altendorfs - viele mit geringem Einkommen - diese gezielte Wohnungspolitik zu spüren bekommen. Denn eigentlich müsste genau für Menschen mit geringem Einkommen und im Bereich des barrierefreien, kostengünstigen Wohnraums viel getan werden. Siw Mammitzsch bestätigt: "Das was wirklich fehlt, ist eine Neubautätigkeit bei Sozialwohnungen. Aber genau dieses wohnungspolitische Instrument hat die Stadt Essen vollkommen aus der Hand gegeben und nutzt es nicht. Stattdessen baut die Stadttochter Allbau ebenfalls solche Luxuswohnungen." Die Mietergemeinschaft Essen ist mit dieser Einschätzung nicht allein.

Drei Berichte: Bedarf an Wohnraum ist da
Drei Berichte liegen seit kurzem vor, die sich mit dem Essener Wohnungsmarkt auseinander setzen. Die Schlüsse, die die Verfasser ziehen, gehen weit auseinander: "Steigende Mietpreise in Essen." (Engel & Völkers Immobilien, 2011) "Stabile Mietpreise in Essen." (Mietspiegel 2011 herausgegeben von Stadt, Mietervereinen, Haus & Grund u.a.) "Preise für günstige Wohnungen im Aufwind, für teure auf Talfahrt." (LEG Wohnungsmarktreport 2011). Einig sind sie sich nur in der Tatsache, dass der Bedarf an Wohnraum ungebrochen ist. Gebaut wird aber nur für Wohlhabende.

Der LEG Wohnungsmarktreport verkündet lauthals "Essen läutet die Wende am Wohnungsmarkt ein. Zugpferd dafür ist das Universitätsviertel". Mit großer Freude verkündet der Bericht, wie toll es ist, wenn am nördlichen Rand der City bald mehr als 230 Miet- und 100 Eigentumswohnungen sowie 16 Einfamilienhäuser entstehen. Allerdings gibt man auch unumwunden zu: "Mit den architektonisch anspruchsvollen Gebäuden will die Stadt zahlungskräftige Zielgruppen und Familien mit Kindern für innerstädtisches Wohnen gewinnen, die bisher die grünen Quartiere im attraktiven Essener Süden wie Kettwig, Bredeney und Rüttenscheid präferieren." Ähnliches verkündet der LEG-Report auch für das "Entwicklungsgebiet Krupp-Gürtel im Arbeiterbezirk Altendorf".

Stadttochter Allbau sehnt sich nach Luxus
Ganz vorne mitmischen tut übrigens die städtische Allbau AG. Sie baut 60 Neubau-Mietwohnungen am Uferviertel in Altendorf und wirbt ganz neue Kundschaft für "Hochwertiges Wohnen direkt am Niederfeldsee". Im Univiertel mischen Anbieter wie die Hochtief Construction AG mit 48 Eigentumswohnungen mit, sie werden mit dem Slogan,"Lifestyle zuhause". Rasend schnell haben die hochwertigen Wohnungen neue Besitzer gefunden. Die 1a-Citylage sorgt dafür, dass es längst mehr Interessenten gibt als Wohnraum. Übrigens: Mit guten, kostengünstigen und barrierefreien Wohnraum ist das in Essen ebenso - nur wird dieser kaum bis gar nicht gebaut, auch nicht von der Stadt selber.

Luxusmiete sinkt - Niedrigmiete steigt
Was passiert stattdessen? Laut LEG-Report seien die Preise für Luxusobjekte zwar gesunken, zumindest im analysierten Vermietungsjahr 2010. Wer sich also viel Miete leisten konnte, bei dem sank die Durchschnittsmiete um 7,4 Prozent auf 8,33 Euro pro Quadratmeter. Doch zeitgleich konnten "Eigentümer, die Wohnungen im unteren Qualitätssegment anboten, hingegen höhere Mieten durchsetzen als 2009." Für den analysierten Zeitraum listet der Report einen Anstieg auf 4,30 Euro pro Quadratmeter und Monat für eine einfache Wohnung auf, dies seien 3,2 Prozent mehr als im Jahr 2009 (4,16 Euro). Bereits im Jahr zuvor hatte der LEG-Report einen Mietpreisanstieg von plus 2,7 Prozent berechnet (Vermietung in 2009).

Übrigens: Insgesamt wertet der LEG-Report den Wohnungsstandort Essen als weniger attraktiv aus. Gerade einmal über durchschnittlich 66,4 Quadratmeter Wohnfläche verfügt eine Wohnung - dies sorgte dafür, dass Essen auf Platz 50 (von 54 Ruhrstädten) landete. Zudem stünden viele dieser Wohnungen leer. Knapp 24.000 leer stehende mietbare Wohnungen gibt es in Essen - nur Köln (rund 31.000 Wohnungen) und Düsseldorf (rund 25.700 Wohnungen) haben mehr freie Wohnungen zu vergeben. Und was passiert mit denen?

"Ein Szenario ist bekannt. Die Wohnungen werden nicht mehr instand gehalten, sie vergammeln. Menschen mit geringem Einkommen sind leider oft gezwungen in mangelhaftem Wohnraum zu wohnen. Die Schere in der Wohnsituation der Menschen in dieser Stadt geht immer weiter auseinander. Langfristig verstärkt ein steigender Mietspiegel diese Segregation”, fasst Siw Mammitzsch zusammen. "Deshalb brauchen wir dringend Neubau von Sozialwohnungen.”


>>> Rechtsberatung für Mieterinnen und Mieter
 

Twitter


Arbeitsgemeinschaft der Mietervereine Bochum, Dortmund, Witten, Mietergemeinschaft Essen

Kontakt | Sitemap | Impressum