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26. Juni 2012 (Sonstige Unternehmen)

Erpinghofsiedlung - Aus der Zeit gefallen

Es könnte alles so schön sein: ein gewachsenes Quartier, Einfamilienhäuser neben meist zweigeschossigen Wohnungsbauten aus den 1950er Jahren, gute Verkehrsanbindungen, Kindergärten und Schulen in der Nähe sowie jede Menge Grün drumherum. Es könnte. Aber …

Wenn man durch das Quartier rund um die Erpinghofstraße in Dortmund Huckarde geht, springt einem dieses "Aber" sofort ins Auge. Die Grünflächen sind ungepflegt, die Wohnungsbauten ebenso. Hinter vielen leeren Fenstern wohnt niemand mehr. Offensichtlich: Hier lässt ein Vermieter seinen Bestand verkommen. "Eigentlich sind es zwei Vermieter", sagt Nicole Steffen von der Interessengemeinschaft (IG)
Erpinghofsiedlung. Ursprünglich gehörten diese Wohnungen mal der Viterra. Diese veräußerte im Jahr 2002 über 230 Wohnungen an die für die Umwandlung in Eigentumswohnungen bekannte Häusser-Bau-Gruppe aus Bochum. 115 Wohnungen wurden in den Folgejahren an Selbstnutzer und Kleinvermieter verkauft. Die restlichen 119 Wohnungen gingen 2007 als Paket an die Grundstücksgesellschaft BSB VIII BV & Co. KG. Die Viterra selbst trennte sich zudem im Jahr 2005 von weiteren 222 Wohnungen, die an die Terra Heimbau Zwei Ltd. & Co. KG übergingen.

Der Verkauf verschlimmerte die Situation in der Siedlung spürbar, die ständig wechselnden Verwaltungsgesellschaften sorgten für ein Informationschaos. Bei Ortsterminen wurde von den Verwaltern viel versprochen. Gehalten wurde wenig. Das angekündigte Abarbeiten der Mängellisten durch die Verwalter fiel aus. Die Politik ließ die Einrichtung eines Vorkaufsrechtes prüfen. Die Stadtverwaltung sah dafür jedoch nicht die rechtlichen Voraussetzungen bzw. nur in kleinen Teilbereichen.

Keine Investitionsbereitschaft
Eine 2010 veröffentliche Quartiersanalyse der Stadt Dortmund kommt zu einem erschreckenden Ergebnis: Trotz guter Rahmenbedingungen sieht das Papier "insgesamt erhebliche Zukunftsrisiken für die Erpinghofsiedlung. Die Experten äußerten übereinstimmend, dass der schlechte Gebäude- und Wohnungsbestand in Verbindung mit zwei Eigentümern ohne erkennbare Investitionsbereitschaft bereits zu einer sehr bedenklichen Situation geführt hat." Die Empfehlung der Experten geht eindeutig an die Postfach-Adressen der Fondsgesellschaften: Anpassung der Wohnungen an heutige Standards, Austausch der überalterten Fenster, verbesserte Energieeffizienz und regelmäßige Pflege der Grünanlagen.

Im vergangenen Oktober wurde schließlich die IG Erpinghofsiedlung gegründet. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass sich in ihr sowohl Mieter als auch Eigenheimbesitzer engagieren. Man zieht gemeinsam an dem Strang, an dessen anderem Ende die "Heuschrecken" sitzen, denn die Siedlung ist den Bewohnern wertvoll und wichtig. Das belegen auch die Zahlen: "Im Durchschnitt wohnen die Menschen hier seit mehr als 20 Jahren. Dafür gibt es ja Gründe. Man lebt nicht anonym nebeneinander. Man kennt sich, es gibt soziale Strukturen", sagt Nicole Steffen und passt damit genau ins Bild. Mehr als die Hälfte ihres Lebens wohnt die 40-Jährige bereits rund um die Erpinghofstraße.

Hohe Unzufriedenheit
Um sich einen genauen Überblick zu verschaffen, startete die IG im April
eine Fragebogenaktion und verteilte knapp 380 Fragebögen im Quartier. "181 Bögen haben wir zurück bekommen. Das sind knapp 50%. Das zeigt uns eindeutig, dass den Anwohnern ihr direktes Umfeld keinesfalls egal ist." Die Ergebnisse überraschten Nicole Steffen wenig: "Der Zustand der Grünflächen, Parkplätze und Gehwege wird als schlecht empfunden. Mehr als die Hälfte der Befragten befürchtet Vandalismus an den Häusern mit Leerstand und fast zwei Drittel aller Befragten haben das Gefühl, dass sich das soziale Umfeld in den vergangenen Jahren verschlechtert hat", fasst sie zusammen. "Hinzu kommen die Mängel an und in den Gebäuden, wie etwa undichte Fens-ter, feuchte Keller, Risse in den Fassaden und altersschwache Heizkörper."

Die in der Befragung genannten Defizite decken sich mit einer Mängelliste, die Raumplanerin Lena Weinberg von der Technischen Universität Dortmund (TU) im Rahmen Ihrer Diplomarbeit erstellt hat: Unmoderne Grundrisse, keine zeitgemäße Elektro- und Sanitärinstallationen und darüber hinaus gravierende bauliche Mängel. Undichte Fens-ter, tiefe Risse in den Wänden der Treppenhäuser und in Fensterbereichen, die zu Schimmelbildung führen können; diese Punkte finden sich unter den Top Ten der Mängel.

Zunehmende Verwahrlosung
Für die Bewohner scheint die Zeit an dem Punkt vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein, als es die letzte große Investition gab und die Kohleöfen gegen zeitgemäße Heizungsanlagen ausgetauscht wurden. Seitdem blieben nennenswerte Investitionen aus, und ein Teufelskreis aus schlechten Wohnbedingungen, steigendem Leerstand und zunehmender Verwahrlosung setzte ein. Ein Teufelskreis, der durchbrochen werden könnte, wenn sich die Eigentümer, Terra Heimbau und BSB VIII, auf den Grundsatz "Eigentum verpflichtet" besönnen und in die Gebäude, das Quartier und letztendlich in die Menschen investierten.

Die IG Erpinghofsiedlung stellte die Ergebnisse der Fragebogenaktion Mitte Mai den Anwohnern und der Öffentlichkeit vor. In den kommenden Wochen werden sie darüber hinaus an die Verwalter der Siedlung und an die politischen Akteure in Dortmund verschickt. Dass sich kurzfristig alles zum Guten wenden wird, glaubt Nicole Steffen nicht. "Ein erster Erfolg wäre es, wenn das Tagesgeschäft wieder normal liefe, also notwendige Reparaturen zeitnah erledigt würden und der zuständige Hausmeister den nötigen finanziellen Spielraum hätte."

Mittelfristig muss jedoch investiert werden. Die Quartiersanalyse der Stadt gibt eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie die Erpinghofsiedlung zu einem attraktiven Viertel im Grünen werden kann. Der Rückbau einzelner, kaum noch vermietbarer Objekte und eine sinnvolle Nachverdichtung mit Eigenheimen und Mietwohnungen erscheinen sinnvoll. Ob diese Vorschläge aufseiten der renditeorientierten Wohnungsunternehmen ebenso gesehen werden, erscheint hingegen fraglich.


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