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1. Oktober 2003 (Bundespolitik)

Stadtschrumpfung und Armutsentwicklung:

Wird die Ruhrstadt zum Armenrevier? - Die Bevölkerung in Deutschland wird bis zum Jahr 2050 auf 75 oder gar nur 65 Mio. Einwohner sinken. Krisenregionen wie das Ruhrgebiet sind zuerst betroffen. Rücken damit rosige Zeiten für die MieterInnen heran? Wird Wohnungs- und Städtebaupolitik schlicht überflüssig? Keineswegs.

Die meisten Menschen, so haben jüngere Umfragen des Berliner Instituts für soziale Stadtentwicklung bestätigt, wünschen sich ein möglichst „bodennahes“ Wohnen. Entscheidend ist freilich nicht, was man sich wünscht, sondern was man bezahlen kann. Deshalb wandern Mittel-schichtsfamilien – besonders mit Kindern - seit langem ins Umland ab, während in den Städten der Anteil der Armen zunimmt. Daran wird der Bevölkerungsrückgang nichts ändern. Wer es sich leisten kann, wird weiterhin im Grünen bauen oder in gebrauchte Eigenheime ziehen.
„Das Umland der Großstädte ist zur Familienzone der mobilen Mitteschichten geworden“, schreiben die Bochumer Armutsforscher Strohmeier und Kersting. Diese Familien haben relativ gute Einkommen, relativ viele Kinder und sind ganz überwiegend rein deutsch. In den Kreisen Coesfeld und Warburg wächst die Bevölkerung. Dagegen verliert das Ruhrgebiet Einwohner. Der Anteil der Alten, Menschen mit ausländischer Herkunft und Armen wächst.
Dabei verändert die Armut ihr Gesicht. Früher war die Armut alt und weiblich. Die Altersarmut ist zwar auch weiter angewachsen (und sie kann durch die Agenda 2010 noch einmal gut zulegen). Weitaus stärker gestiegen ist aber die Kinder- und Mütterarmut. Für ganz NRW gilt: 40 % der „einkommensarmen“ Menschen (weniger als 50 % des Durchschnittseinkommens) sind unter 19 Jahre alt. Und: Je jünger, desto größer ist der Anteil der Armen. Ab 18 geht der Anteil der männlichen und weiblichen Armen deutlich auseinander. Die vielen alleinerziehenden Mütter in den Städten sind dafür der Hauptfaktor.
Strohmeier hat festgestellt, dass die Umzugshäufigkeit in den alten Arbeitervierteln zugenommen hat. Die alten Bindungen an Betrieb und Belegschaft sind zerbrochen. Das einzige, was die Menschen in den Armutsvierteln dann noch gemeinsam haben, ist die Armut. „Armut allein aber stiftet keine sozialen Beziehungen und schon gar keine Solidarität“, meint Strohmeier. Die Betroffenen ziehen sich in ihre vier Wände zurück und entwickeln kein Vertrauen mehr in ihre eigen Kräfte, ihre Nachbarn, in politische Teilhabe (oder Widerstand).
Diese soziale Spaltung und Isolierung kann sich im Zuge des Bevölkerungsrückgangs radikal verschärfen und weiter aufgliedern. Wenn in der Folge von Leerständen einige Wohngebiete in Qualität und Preis verfallen, können sie die letzte Versorgungschance einer wachsenden Bevölkerungsgruppe unter der Armutsgrenze werden. Die Anderen sehen zu, dass sie diese Viertel - und vor allem ihre Schulen -meiden.
Solchen „Gettobildungen“ soll mit Stadtteilprojekten begegnet werden, die die gefährdeten Stadtteile aufwerteen und die BewohnerInnen durch Mitwirkungsangebote gewinnen wollen. Strohmeier macht deutlich, dass „Beteiligungsangebote“ wie Bürgerversammlungen an den Bedürfnissen der Armen vorbeigehen. Der Wohn-Bund-Experte Jan Kuhnert geht weiter: Gerade, wenn es gelingt, einen Projektstadtteil aufzuwerten, führt das zur Verdrängung der Ärmeren in einen anderen, und dort sind dann die Probleme noch massiver.
Stadtteilorientierung wird im Zuge der Stadtschrumpfung sicherlich nötiger denn je: Sie kann aber nicht das ersetzen, was heute Tag für Tag an Solidarität und sozialer Infrastruktur zerbrochen wird.
Der sozialen Polarisierung in den Städten kann dann wirksam entgegengewirkt werden, wenn überall im Stadtgebiet gleichwertige Lebensbedingungen und sichere Wohnungen zu Preisen zur Verfügung stehen, die sich jede/r leisten kann und deren Vergabe nicht allein vom Markt bestimmt wird. Das heißt: Wenn wohnungspolitisch massiv in den Markt interveniert wird.


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