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10. Dezember 2014 (Bundespolitik)

Energieeinsparverordnung: Nicht ganz dicht

Wenn es um den Klimaschutz und die Reduzierung des CO²-Ausstoßes geht, hat sich die Regierung ambitionierte Ziele gesetzt: Um 80% soll der Heizenergieverbrauch in deutschen Wohngebäuden bis zum Jahr 2050 sinken. Durch Förderprogramme und zusätzliche Anreize – insbesondere für Vermieter – entstand ein regelrechter Dämm-Boom. Besonders beliebt: Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) aus Polystyrol. Rund 800 Mio. m² wurden seit 1993 an deutsche Häuser geklebt. Skeptiker warnen vor den unterschiedlichsten negativen Auswirkungen.

Dass es sinnvoll ist Energie – insbesondere solche aus nicht regenerativen Quellen – zu sparen, steht außer Frage. Aus dem Fenster zu heizen ist einfach viel zu teuer. Also werden Fenster abgedichtet, Heizungsanlagen optimiert und Fassaden gedämmt. Ein riesiger Markt, an dem viele Akteure gut verdienen. Aber es wird nicht immer die individuell optimalste Lösung für eine energetische Modernisierung gesucht. Stattdessen werden Standards angeboten und Nachteile verschwiegen.

 

Das Material

Der problematische Faktor von WDVS aus Polystyrol – bekanntester Markenname Styropor – liegt in deren Hauptbestandteil selbst. Der Werkstoff ist kostengünstig herzustellen, leicht und dämmt hervorragend. Gute Voraussetzungen für den Dämmstoffmarkt. Einige seiner Eigenschaften sind allerdings weniger positiv. Polystyrolschaum ist anfällig gegen UV-Licht. Direkte Sonneneinstrahlung lässt den Werkstoff sehr schnell brüchig werden. Im Brandfall verhält sich Polystyrol ebenfalls problematisch. Zwar ist es in der nationalen DIN 4102 als schwer entflammbar klassifiziert, die neuere europäische Norm EN 13501 ordnet das Styropor aber nur noch als normal entflammbar ein. Beim Einsatz als Fassadendämmung wird deshalb konstruktiv mit nicht brennbaren Brandriegeln gearbeitet. Nicht zuletzt ist die Fassadendämmung mit einem WDVS weder nachhaltig noch ökologisch sinnvoll. Der Werkstoff hat laut Herstellerangabe eine Lebensdauer von 50 Jahren, unabhängige Experten sind allerdings der Meinung, dass die Lebensdauer bei 25 bis 30 Jahren liegt. Mechanische Einflüsse – etwa ein Rempler mit der Stoßstange bei Einparken – reduzieren die Lebensdauer zusätzlich. Nach seiner Lebenszeit muss der Werkstoff als Sondermüll entsorgt werden. Ein tragfähiges Recyclingmodell fehlt zurzeit noch.

Die Skeptiker

Keine guten Voraussetzungen, um Dämm-Skeptiker von der notwendigen Investition in ein Gebäude zu überzeugen. Im Gegenteil, all diese Nachteile geben ihnen Argumente an die Hand, um den Nutzen der energetischen Sanierung eines Gebäudes generell in Frage zu stellen und die Schwächen der Polystyrol-Fassadendämmung als Schwäche des gesamten Konzepts der energetischen Modernisierung darzustellen. Doch die energetische Modernisierung von älteren Gebäuden ist notwendig, weil sie hilft, Energie zu sparen, Kosten zu senken und den CO²-Ausstoß zu reduzieren.

In jedem Fall ist eine umfassende und individuelle Betrachtung des gesamten Gebäudes vonnöten. Die Fassadendämmung ist lediglich ein Baustein, das WDVS nur eine Option. Alternative Dämmstoffe wie Mineralwolle oder Zellulose, die die Nachteile der Polystyrol-Dämmung nicht vorweisen, werden nur selten erwähnt, sind aber auf dem Markt vorhanden und teilweise sogar erheblich günstiger. Aber es muss nicht jede Fassade automatisch gedämmt werden. Türen, Fenster, Kellerdecken und Dächer werden ebenso in das energetische Konzept einbezogen wie veraltete Heizungs- und Warmwasseranlagen. Diese umfassende Betrachtung der Objekte verlangt aber nach fähigen und vor allen Dingen unabhängigen Energieberatern und Handwerkern, denn der Dämm-Markt ist ein lukratives Geschäft, an dem viele Akteure verdienen: Hersteller, die EU-Normen nicht umsetzen, Handwerker, die auf Standardverfahren setzen, Energieberater, die utopische Einsparpotenzial hochrechnen und auch Vermieter, die das Schlagwort Energetische Modernisierung nicht selten dazu nutzen, unverhältnismäßige Mieterhöhungen durchzusetzen.

Der Alltag

Aber egal ob WDVS oder eine alternative Fassadendämmung: Diese massiven Eingriffe in die Gebäudehülle, -dichtigkeit und -ausstattung bedürfen einer Verhaltensänderung bei den Bewohnern. Sie müssen bewusster Lüften um ein angenehmes Raumklima zu erzielen und Schimmelbildung zu vermeiden. Und selbst in energetisch optimierten Neubauten, in denen die Wohnungen vielfach mit Lüftungsanlagen versehen sind, gibt es für die Bewohner eine ganze Reihe von Punkten zu beachten. Luftfilter müssen ausgetauscht, die Anlage gereinigt werden, damit aus der Lüftungsanlage keine Keimschleuder wird. Im Außenbereich haben mit WDVS versehene Fassaden das Problem der Veralgung, die nur mit Bioziden zu verhindern ist. Im Mieterforum 32 berichteten wir ausführlich über diese nicht zu unterschätzende Gefahr für das Grundwasser.

Die Stadtkultur

Nicht zuletzt verändert die flächendeckende Fassadendämmung von Bestandsgebäuden das Straßenbild der Städte. Regionale Besonderheiten, Fachwerk, Schmuckdetails. Im Extremfall verschwindet das alles hinter den Polystyrolplatten und die gewachsene Vielfalt weicht einer – zwar energetisch optimierten, aber ästhetisch gleichgeschalteten – Eintönigkeit, die dem individuellen Charakter des einzelnen Hauses nicht gerecht werden kann. Inzwischen fordern bekannte Architekten wie Prof. Dipl.-Ing. Christoph Mäckler von der TU Dortmund gar ein Verbot von WDVS im Neubaubereich, da dort die Dämmwirkung auch über andere konstruktive Lösungen erreicht werden könne. Klassisch, wie durch das zweischalige (verklinkerte) Mauerwerk, oder modern, mit speziell gefertigten Lehmziegeln.

Die Schlüsse

Die breite Berichterstattung in den Medien vor einiger Zeit über einen vermeintlichen „Dämmwahn“, hat die Stimmung gegen übertriebene Dämmvorschriften weiter angeheizt. In der Tat sind die in den Berichten angeführten Probleme vorhanden und nicht umfassend gelöst. Sie beziehen sich aber in der Regel auf individuelle Fälle in denen an irgendeiner Stelle nicht optimal gearbeitet wurde. Eine falsche Beratung, die Wahl der falschen Maßnahmen, pfuschende Handwerker, oder Mieter, die ihre Lebensgewohnheiten nicht an das neue Raumklima angepasst haben. Aus diesen individuellen Fehlern herzuleiten, dass die gesamte Energieeinsparverordnung falsch sei, ist zu kurz gedacht. (Mirko Kussion / report age)


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