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6. April 2016 (Bundespolitik)

Wohnungslosigkeit: Konkurrenz ganz unten

335.000 Wohnungslose, darunter 39.000 Obdachlose, schätzte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) für das Jahr 2014 und schlug mit diesen Zahlen vor wenigen Monaten Alarm: Die Zahlen waren im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent gestiegen. Und bis 2018 könnte es mehr als eine halbe Million Wohnungslose in Deutschland geben.

Es gibt weniger günstige Wohnungen, aber mehr Menschen, die sie brauchen. „Der Wohnungsmarkt hat sich vor allem in den Ballungsgebieten zunehmend verengt“, erklärt die Geografin Sandra Schindlauer, die an der Bauhaus-Universität Weimar zum Thema Obdachlosigkeit promoviert. „Das liegt an steigenden Mieten, aber auch daran, dass sich der Staat seit Ende der 1980er Jahre sukzessiv aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen hat und Kommunen ab den 2000er Jahren große Teile ihrer Wohnungsbestände verkauft haben. Nach und nach laufen jetzt Belegungsrechte aus, die aber nicht kompensiert wurden. Und damit sinkt der Handlungsspielraum für Kommunen, gegenzusteuern“, so Schindlauer. Auch Thomas Bohne, Leiter der Zentralen Beratungsstelle für Wohnungslose (ZBS) bei der Diakonie Dortmund, merkt: „Wir haben zunehmend Probleme, bezahlbaren Wohnraum für Menschen zu finden, den das Jobcenter anerkennt.“

Tückische Statistik

Kommunen sind gesetzlich dazu verpflichtet, Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Genauer gesagt: Obdachlosigkeit gilt ordnungsrechtlich als Gefahr für Leben und Gesundheit, und zu ihrer Abwehr unterliegen Kommunen einer Unterbringungspflicht. Diese umfasst in Dortmund, als eigentlich kurzfristige Maßnahme, die Notschlafstellen mit derzeit 55 Plätzen für Männer und 30 für Frauen, und, als  kontinuierliches Angebot, die ZBS, die als anerkannte Beratungsstelle Kooperationspartner der Stadt und erster Anlaufpunkt für von Wohnungslosigkeit Bedrohte oder Betroffene ist. Seit 39 Jahren bietet sie soziale Beratung, Unterstützung bei der Wohnungssuche und dabei, wieder soziale Teilhabe zu erlangen: Alltagsmanagement, eine Tagesstruktur, vielleicht eine Beschäftigung, Freizeit und Kontakte.

Wie viele Wohnungs- und Obdachlose es tatsächlich gibt, kann nur geschätzt werden, denn eine bundesweite Statistik gibt es nicht. Auch in Dortmund schwanken die Zahlen, je nachdem, wen man fragt. Die Stadt Dortmund zählt 385 Wohnungslose, die vom Jobcenter und vom Sozialamt betreut werden. Die ZBS schätzt rund 400 Menschen ohne Obdach. Ehrenamtliche Initiativen gehen in der Regel von noch höheren Zahlen aus. Offiziell erfasst werden Personen, die von sich aus um Hilfe bitten. Die Stadt Dortmund zählt nur diejenigen, die Leistungen beziehen. Nicht erfasst werden die Menschen, die zwar Ansprüche auf staatliche Leistungen haben, sie aber nicht geltend machen. „Oft schämen sich Menschen, zu einem Amt zu gehen und einen Antrag auszufüllen, und sind mit dem Verwaltungsapparat überfordert“, weiß Katrin Lauterborn von der ökumenischen Wohnungslosenhilfe Gast-Haus. Personen, die gar keinen Anspruch haben, weil sie in einer anderen Stadt gemeldet sind, als EU-Zugewanderte erst nach sechs Monaten Sozialhilfe beantragen dürfen oder als illegalisierte Menschen keine Hilfe in Anspruch nehmen aus Angst, ausgewiesen zu werden, tauchen in den behördlichen Datensätzen ebenfalls nicht auf. Sie fallen durch das Raster, auf dem Papier wie in der Realität.

Konkurrenz am gesellschaftlichen Rand

Hinzu kommen etwa 5.900 der Stadt zugewiesene geflüchtete Menschen, von denen 2.800 noch nicht in einer eigenen Wohnung leben. Die dezentrale Unterbringung ist weiterhin oberste Priorität der Stadt, erste Lösungsansätze sind in Arbeit. Mit Sondervermögen aus dem „Grundstücks- und  Vermögensverwaltungsfonds“ will die Kommune selbst Wohnhäuser auf stadteigenen Grundstücken bauen und dabei „die öffentlichen Fördermöglichkeiten voll ausschöpfen“, so Sprecherin Anke Widow. In Mengede entstehen zurzeit 106 Wohnungen, in Lütgendortmund sollen 49 Wohnungengebaut werden. Letztere sollen, so der Plan, Anfang 2017 fertig sein. 60 Prozent sollen Geflüchteten zur Verfügung stehen, 40 Prozent den Bestimmungen des sozialen Wohnungsbaus unterliegen. Auch andere Wohnungsanbieter wie DOGEWO21, die gwg oder der Spaß- und Bauverein planen in Dortmund neue Sozialwohnungen.

Der knappe Markt hat die Konkurrenz am Rand der Gesellschaft verschärft – „das birgt sozialen Sprengstoff“, sagt Thomas Bohne. Während Geflüchtete zurzeit wichtige und dringende Solidarität erfahren, drohen Wohnungs- und Obdachlose in Vergessenheit zu geraten. „Sätze wie ‚Ich finde keine Wohnung, weil die alle für die Flüchtlinge freigehalten werden‘ hören wir durchaus“, so Katrin Lauterborn. Daran hat weder die eine noch die andere Gruppe Schuld. Konstruiert wird diese aber, wenn Vereine wie die „Volkshilfe“ ihre „volksfreundlichen“ Aktionen mit Hetze gegen Nichtdeutsche garniert, rechte Parteien Wohnraum zuerst für Deutsche fordern und Neonazis plötzlich Spenden für – deutsche – Obdachlose sammeln und so eine Gruppe für die eigene PR missbrauchen, die sie bei anderen Gelegenheiten selbst gerne zum Feindbild erklären.
Im Lauf des Jahres sollen die städtischen Bauvorhaben realisiert werden. „Das Vorhaben ist eine gute Präventivmaßnahme und ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt die Expertin Schindlauer. Thomas Bohne sieht die Politik in der Pflicht und wünscht sich eine Anpassung bei den Mietobergrenzen der Jobcenter. „Wenn unsere Klienten keine Wohnungen in ihrer Preisklasse finden und sie kaum eine Chance auf dem Wohnungsmarkt haben – was sollen sie denn machen?“ (Alexandra Gehrhardt)


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