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15. Dezember 2016 (Aus den Städten)

Vor 30 Jahren: Bochumer Heusner-Viertel abgerissen

Am 20. November war es 30 Jahre her, dass die Stadt Bochum die 11 letzten Häuser im sogenannten Heusner-Viertel abreißen ließ. 36 Menschen wurden an diesem Tag obdachlos. Vorangegangen war ein jahrelanger Streit um den Bau der Westtangente, der heutigen A 448. Gegenüber der Krupp-Stahl-AG westlich der Kohlenstraße gelegen, war das Heusner-Viertel der Trasse im Wege.

Die Bewohner aber wollten nicht so einfach weichen. Viele von ihnen waren Studenten, denn die Stadt hatte etliche bereits freigezogene Häuser dem AkaFö zur Zwischenvermietung überlassen, um die damalige Wohnungsnot zu lindern. Eine bunte Mischung aus Alt-Einwohnern, studierenden Mietern und Hausbesetzern war entstanden, die ihr Wohnviertel verteidigte. Die Politik der Abrissbirne musste daher immer von starken Polizeiaufgeboten durchgesetzt werden. MieterForum sprach mit Wolfgang Czapracki-Mohnhaupt, Rechtsanwalt im Ruhestand, der damals mehrere Mieter in ihren Räumungsprozessen, aber auch die Klage einer Eigentümerin gegen den Bebauungsplan vertreten hat, über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von damals und heute.

MF: Szenen wie die am 20. November 1986 hat man seither in Bochum nie wieder gesehen. Woran liegt das?

C-M: Jedenfalls nicht daran, dass es in Bochum keine Straßenbauprojekte mehr gibt, die auf jahrzehntealten Planungen beruhen. Man denke nur an die DüBoDo oder den Ausbau der Kosterstraße. Auch nicht daran, dass es dagegen keinen Widerstand mehr gäbe. In Laer gibt es immer noch verschiedene Eigentümer, die sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen die Querspange wehren, und was dort gerade gebaut wird, funktioniert nur mit Hilfe von Enteignungsverfahren und vorzeitiger Besitzeinweisung – genau wie damals. Aber das sind alles juristische Verfahren. Was es nicht mehr gibt, ist eine Hausbesetzerszene, die auch mit „passiver Gewalt“ Widerstand leistet.

MF: Dabei gibt es doch durchaus Parallelen auf dem Wohnungsmarkt. Damals wie heute gibt es Leerstände auf der einen Seite und auf der anderen Seite zunehmend Menschen, die lange suchen müssen, bevor sie eine Wohnung finden, die bezahlbar ist.

C-M: Ja, aber viele weitere Umstände sind nicht vergleichbar. Damals fanden Protest und Widerstand auf der Straße statt. Heute gibt es neben vereinzelten Groß-Demonstrationen insbesondere Internet-Petitionen. Die Hausbesetzerszene der 80er-Jahre stammte zum großen Teil aus studentischen Kreisen, und die sind heute ganz anders gepolt. Das mag auch daran liegen, dass an den Unis heute schon von den Studienordnungen her eine viel größere Zielstrebigkeit verlangt wird. Wer „instandbesetzen statt kaputtbesitzen“ will, braucht dafür aber eine Menge Zeit, die Studierende heute kaum noch haben. Es gibt diese Selbsthilfe-Mentalität nicht mehr, jedenfalls nicht mehr in der damaligen Form, die irgendwann auch gesagt hat „legal, illegal, scheißegal“. Man darf ja auch nicht vergessen, dass Hausbesetzung eine Straftat ist und deshalb ständig polizeiliche Zwangsräumung droht. Das war der damaligen „No-Future“-Generation völlig egal, während man sich heute sicher schwerer tut, in jungen Jahren den zügigen Eintritt in die Karriere zu gefährden.
MF: Stark verschulte Universitäten produzieren gleichgültige Karrieristen?

C-M: Das ist sicher übertrieben. Es gibt auch heute viele engagierte junge Leute, die sich auch wieder mit dem Thema Wohnen befassen. Zum Beispiel, weil sie sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren und feststellen müssen, dass es für diese Zuwanderer trotz angeblich entspanntem Wohnungsmarkt kein Angebot gibt. Da rücken dann auch Leerstände wieder in den Fokus, denn es wird als eine Schande empfunden, wenn einerseits tausende Wohnungen leer stehen, andererseits ebenfalls tausende Menschen in Turnhallen und Containern hausen müssen. Aber mit ihrer eigenen Wohnsituation sind die meisten dieser engagierten Leute durchaus zufrieden. Die Hausbesetzer von damals haben ja auch neue Lebensformen ausprobiert, für die es auf dem normalen Mietwohnungsmarkt kaum Angebote gab. Heutzutage sind aber zum Beispiel Wohngemeinschaften etwas völlig Normales.


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