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1. April 2004 (Vonovia)

Viterra-Privatisierungen: „Und wir dachten, die tragen uns hier raus ...“

27.000 Wohnungen im Ruhrgebiet hat die Bochumer Viterra AG, ehemals Deutschlands größtes Wohnungsunternehmen, im Januar an die MIRA AG verkauft. Seither geht die Angst unter den Mietern um. Denn klar ist, dass die Tochter der Leasing-Gesellschaft KGAL nur Zwischenerwerberin ist und weiterverkaufen will. Was dann passiert, kann man bereits in einigen Siedlungen erleben, die Viterra zur Jahreswende an die Häusser-Bau-Tochter Bellaform verkauft hat. Schon im Dezember machte der Verkauf von 3000 Wohnungen aus diesem Geschäft Schlagzeilen. Mieterforum Ruhr hat sich in zwei der betroffenen Siedlungen umgesehen.

In Dahlhausen ...
Am nachhaltigsten ist bei Beate Hüttemann hängen geblieben, wie schnell alles gegangen ist: „Am 8. Dezember“, erzählt die Mieterin aus der Karl-Wagener Straße in Bochum Oberdahlhausen, „kam ein Schreiben von Viterra, dass die Siedlung verkauft wird. Nur einen Tag später meldet sich Bellaform als neue Besitzerin ab Januar 2004. Und schon am 8. Januar wurden wir benachrichtigt, dass die Häuser einzeln weiterverkauft werden. Drei Tage später wurde nebenan das Verkaufsbüro eröffnet.“
Gleich am ersten Öffnungstag ist sie mit ihrem Mann Randolf Pastor in das Verkaufsbüro gegangen und hat sich als Kaufinteressentin ausgegeben. Ohne Umschweife bekam sie ein Exposé. 316.000 € soll das 5-Parteien Haus mit 287 qm Wohnfläche kosten - alles andere als ein Schnäppchen.
Zwar sind die 22 Häuser vor zehn Jahren aufwändig modernisiert worden, aber in den 50er Jahren hat man alles andere als solide gebaut. Die Wohnungen sind klein, die Wände dünn, etliche Keller feucht.
Beate Hüttemann bleibt nicht untätig. Zusammen mit ihrer Nachbarin Anja Bönker und zwei weiteren Mietern lädt sie für den 16. Januar zu einer Mieterversammlung in die ehemalige Schule an der Kassenberger Straße ein. Über 60 Leute drängeln sich in dem Raum, der damit aus allen Nähten platzt. Auch der Mieterverein hat an diesem Abend Gelegenheit, über Mieterrechte bei Wohnungsverkäufen zu informieren - und wie man am besten Kaufinteressenten entgegentritt.
Die tummeln sich inzwischen reichlich in der Siedlung und stecken ihre Nasen in alles, was sie interessiert. Dummerweise haben sich viele Mieter von Frau Ehlers, die für Bellaform die Häuser vermakelt, beschwatzen lassen, ihr einen Haustürschlüssel zu geben. Diese bereits in anderen Siedlungen berüchtigte Frau versteht ihr Handwerk: „In drei Monaten sind sie sowieso hier raus“, soll sie manchen Mietern gedroht haben. Und als Helena Rewenok einem Kaufinteressenten bei der Besichtigung einen Schimmelfleck zeigt, raunzt sie: „Wollen Sie mir das Geschäft kaputt machen?“
Anderswo geht die Frau in Häusser-Diensten diplomatischer vor. Anja Bönker: „Einem Nachbarn wurden zwei Monatsmieten plus 2000 Euro in bar geboten, wenn er innerhalb von 3 Monaten auszieht. In anderen Häusern soll ähnliches gelaufen sein.“
Inzwischen sind fünf Häuser verkauft. In Nummer 59, das von zwei Pärchen gekauft wurde, ist vier Mietern wegen Eigenbedarfs gekündigt worden - der fünfte räumt freiwillig das Feld. Nummer 86 ist an einen Kapitalanleger gegangen. Viel besser war das auch nicht. „Der Käufer hat sich uns als neuer Eigentümer vorgestellt“, erzählt Diana Korittkatis, „und wollte als erstes gleich eine Mieterhöhung um 25 Euro. Ich habe mich geweigert, weil die Miete doch erst zum 1. Januar erhöht worden ist. Aber alle anderen haben das unterschrieben.“
An Ludwina Steilmann’s Fassade hing einen Tag nach der Mieterdemonstration in Gelsenkirchen plötzlich ein Transparent mit Protesten gegen die Verkäufe. Am nächsten Tag war es abgerissen - und natürlich kam die Drohung per Post, die Mieter für den Schaden an der Fassade haftbar zu machen. Die Mieterin hat dennoch schon am 22. Januar etliche Politiker angeschrieben: Peer Steinbrück, Ernst-Otto Stüber, Ottilie Scholz, Gabi Schäfer, Heinz Hossiep - eine Antwort bekam sie bisher nicht.

... und Horst
Wie sich die Bilder gleichen. Eine halbe Autostunde nordwestlich von Oberdahlhausen, in Gelsenkirchen-Horst, haben die Mieter der Emmichstraße ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihre Häuser haben nur jeweils vier Wohnungen und eignen sich daher noch besser für Käufer, die selber einziehen wollen. Auch ihre Siedlung stammt aus den 50er Jahren und ist in den neunziger modernisiert worden.
Natürlich haben die Mieter Vorkaufsangebote bekommen: 199.500 € statt 213.000 für 202 qm. Keiner hier kann das bezahlen. Und welche Bank finanziert einem 65-jährigen noch einen 30-Jahre-Kredit?
Die Häuser sehen schmuck aus, aber viele Kellerwände sind feucht. Günther Schuster und Norbert Schmitz aus Nummer 28 haben die Wände selbst ausgeschachtet und abgedichtet. Nutzen wird ihnen das nun nicht mehr. Zu Ruhrkohle-Zeiten gab es Belegungsrechte; doch die wurden vor einigen Jahren abgegeben.
Haus Nummer 13 ist schon verkauft - an Türken. Davor haben sie alle am meisten Angst. Nicht, weil sie grundsätzlich etwas gegen Türken haben. Aber die haben große Familien und deshalb möglicherweise Eigenbedarf für gleich alle vier Wohnungen im Haus. Und sie leben ganz anders. Einige hier haben schon Erfahrung mit türkischen Familien im gleichen Haus: „Da kommt abends um 10 der erste Besuch. Und dann geht das durch bis drei in der Nacht.“
Stress machen auch hier die vielen Kaufinteressenten. Hannelore Freund: „Die kamen zu viert über die Wiese mit dem ganzen Dreck an den Schuhen, und ich musste den Boden aufschließen. Dann liefen sie überall rum und erzählten, was sie alles umbauen wollen.“ „Hier stehen Wohnungen leer. Warum können die sich die nicht ansehen?“, schimpft Alfred Biendara. „Die Wohnungen sehen alle gleich aus, höchstens die Fliesen im Bad haben mal ne andere Farbe.“
Karin und Johannes Schmielewski wohnen erst 2 Jahre hier. Vorher haben sie zwei Straßen weiter gelebt - und die Wohnung wegen Eigenbedarfs verloren. Johanna Schuster hingegen ist 39 Jahre am Ort, ihre Nachbarin Ursel Anweiler sogar 50 Jahre: „Wir haben gedacht, uns tragen sie hier raus ...“
Immerhin, Gelsenkirchen ist die Stadt des stärksten Widerstands gegen die Massenverkäufe. Etliche Mieterinitiativen haben sich hier spontan gebildet, schon zwei mal wurde demonstriert. Und nur einen Steinwurf weit von der Emmichstraße, am Horster Schloss, steht jetzt jeden Tag für ein paar Stunden eine Mahnwache.


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